Der Schwede ist blond, hellhäutig und groß gewachsen. Er fährt
einen nicht mehr ganz neuen Volvo, auch wenn er - weil
umweltbewusst - bei jeder Gelegeheit mit dem Fahrrad zu seinem Arbeitsplatz fährt. Er trinkt
gerne Leichtbier (aber nur am Wochenende!), isst für sein Leben gerne
Weißbrot mit Erdbeermarmelade und ist aus Konservativismus heraus
Sozialdemokrat.
Er hat 1,35 Kinder und heißt Herr Svensson.
Jedes Jahr machen sich schwedische Medien auf die Suche nach Herrn
Svensson, den tyischen Schweden. Bislang ohne Erfolg. Denn ebenso wie
seine 1,35 Kinder ist
Herr Svensson reine Fiktion, Produkt einer statistik-verliebten
Bürokratie auf der Suche nach Prototypen - die nebenbei chauvinistisch
genug ist, Frau Svensson völlig zu ignorieren. Was Frau Svensson (die
ich mir schon aus Prinzip sympathischer vorstelle) wohl ziemlich recht
sein dürfte. Weil, ich glaube sie geniert sich irgendwie für
ihren sterbenslangweiligen Mann und seinen ebenso freundlichen wie
nichtssagenden Erdbeermarmeladen-Sozialismus.
Vielleicht ist es ein Zuviel an Erdbeermarmelade das den Blick auf die
Vergangenheit verschleiert. Denn auch wenn der schwedischer
Wohlfahrtsstaat zu seiner besten Zeit (in den 60er Jahren, als Schweden
durch eine ebenso geschickte, wie für den westlichen Teil der Welt
äußerst radikal anmutende Umverteilung der Güter zu
beispiellosem Wohlstand kam) vieles richtig
gemacht hat - etwa in der Außenpolitik, die von bedingungsosen
Humanismus gezeichnet war - so verleugnet die Mehrzahl der Schwedinnen
und Schweden doch die Leichen im Keller des "folkhemm".
Tatsache ist, dass quasi-faschistische, sozialdarwinistische
Geister bei der Gründung des Wohlfahrtsstaates in den 20ern des
vorherigen Jahrhunderts Pate gestanden sind. Das für seine Zeit
einzigartige soziale Netz war nicht zuletzt der Hoffnung geschuldet,
die maßloßen Schweden zu disziplinieren (im
Foucaultschen Sinne). Getragen wurde der Wohlfahrtstaat von der Idee
einer homogenen Gemeinschaft der Schwedinnen und Schweden die in der Lage waren,
sinnvoll an der Gesellschaft teilzuhaben. Teilzuhaben setzte voraus:
Sesshaftigkeit, Arbeitsfähigkeit und den Willen zur Partizipation am
gesellschaftlichen Leben.
Bis Ende des zweiten Weltkrieges wurden im sozialistischen Schweden
(das dem unter anderem ebenfalls "Sozialismus" in seinem Namen
führenden deutschen Regime Zeit durchaus Sympathien entgegenbrachte)
Tausende Roma (in
Schweden pejorativ "Tattare" genannt) zwangssterilisiert. Erst nach dem
Krieg besann man sich eines Besseren und fand eine (um nicht zu
sagen österreichische) Lösung: Die Volksgruppe der Tattare wurde als
nicht mehr existent erklärt. Sagma es war nix. Durch dieses Vorgehen
ersparte man sich gewissermaßen ein öffentliches mea culpa - die der
Zwangssterilisation zugrundeliegende Idee wurde keineswegs aufgegeben,
bloß
wurden die Tattare in den "Volkskörper" integriert.
Aber nicht nur diese Nomaden verwehrten sich nolens volens dem
heimeligen Volksheim - eine zweite Gruppe war nicht in der Lage der
Gemeinschaft zurückzugeben was sie empfangen hatte: Behinderte, vor
allem geistig Behinderte. Ihre Zwangsserilisation wurde weiter geführt
(auch wenn der Gesetzgeber prinzipiell vorsah, ihr Einverständnis
einzuholen, was de facto in vielen Fällen durch Erpressung
geschah). Diese Eugenik,
die sich nicht zuletzt durch eine (Zitat!) "ökonomische" Notwendigkeit
rechtfertigte, dauerte bis 1975
an. Und es dauerte wiederum bis 25 Jahre, bis ein Journalist die
Geschichte
aufdeckte um sie einer breiteren Mehrheit bekannt zu machen - mit mehr
oder
weniger Erfolg. In den öffentlichen Diskurs ist dieses Kapitel bis
heute nicht eingegangen.
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