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18. März 2010 01:52
Das Kultur-Weblog der Kleinen Zeitung
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von naredirainer am: 17.03.2010, 16:29 Uhr

Zu Recht den Sprung auf die Bestenliste des ersten Quartals 2010 geschafft hat die Ersteinspielung der "12 Madrigali" von Salvatore Sciarrino. Entstanden ist sie als Livemitschnitt bei den Salzburger Festspielen 2008, bei denen Konzertchef Markus Hinterhäuser dem 1947 in Palermo geborenen Komponisten mit der neunteiligen Reihe "Kontinent Sciarrino" einen besonderen Schwerpunkt gewidmet hatte, den er mit der Uraufführung des Auftragswerks der Salzburger Festspiele am 3. August eröffnete. An eine adäquate Fortsetzung ist gedacht: Als Interimsintendant will Hinterhäuser im Sommer 2011 den von Riccardo Muti dirigierten "Macbeth" von Giuseppe Verdi mit Sciarrinos "Macbeth" aus dem Jahr 20023 kontrapunktieren.

Sciarrino, einer der Großmeister einer sich bevorzugt in Pianoregionen aufhaltenden, das Flüstern bevorzugenden Vokalmusik, nahm sechs von ihm jeweils zweimal vertonte Haikus des japanischen Dichters Matsuo Bashô als von ihm selbst in das Italienische übertragene, um das Thema Natur kreisende textliche Basis für seine fragilen mehrstimmigen Kompositionen, die von den sieben Mitgliedern der Neuen Vocalsolisten Stuttgart fulminant aus der Taufe gehoben wurden, obwohl sich nicht ganz überhören lässt, dass sogar die mit Sciarrinos Musik seit langem vertrauten Sänger mit den ernormen technischen Anforderungen zu kämpfen haben. Aber ihre das Vibrato genau dosierende Linienführung und die Präzision ihrer klanglichen Nuancen lassen nichts zu wünschen übrig und bringen die geheimnisvolle Dimension dieser meist ein monodisches Singen fordernden Kompositionen und die gerade durch die dynamische Zurückhaltung erzielte Kraft und Spannung faszinierend zur Geltung.

Dem Live-Mitschnitt, der die dichte Spannung der Uraufführung in der Salzburger Kollegienkirche eindrucksvoll einfängt, muss man akustischen Tribut zollen: Hörbar wird im Hintergrund immer wieder das Läuten von Glocken, bisweilen stört das Rascheln beim Umblättern der Noten ein wenig.

Salvatore Sciarrino: 12 Madrigali.
Neue Vocalsolisten Stuttgart.
Col legno, 1 CD.

 

 

 

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 15.03.2010, 16:54 Uhr

Seine 1920 aus der Taufe gehobene "Tote Stadt" hat den Weg zurück in das Opernrepertoire gefunden, seine - mit zwei Oscars ausgezeichneten - Filmmusiken tragen seinen Ruhm noch immer in die Gegenwart. Dass der 1897 in Brünn geborene, in Wien als Wunderkind aufgewachsene und 1934 in die USA emigrierte Erich Wolfgang Korngold aber auch bedeutende Kammermusik komponiert hat, ist heute kaum noch bekannt.

Abhilfe schafft das 1998 in Wien gegründete Aron Quartett, das sich von den enormen technischen Anforderungen der drei Streichquartette nicht abschrecken ließ und diese hohen Hürden ebenso mit Bravour meistert wie Henri Sigfridsson jene des Klavierparts im Klavierquintett op. 15, den Korngold für sich selbst geschrieben hatte.

Das dem einige Jahre in Graz tätigen taubstummen Bildhauer Gustinus Ambrosi gewidmete  Klavierquintett entstand 1921 kurz nach der "Toten Stadt", setzt dessen üppige und originelle Harmonik fort und trägt fast orchestrale Züge. das schon davor begonnene, aber erst 1923 vollendete 1. Streichquartett A-Dur, op. 16 weist expressionistische Momente auf und wurde dank seiner kühnen Modernität 1925 beim Weltmusikfest der Internationalen Gesellschaft für Neie Musik in Venedig vorgestellt.

Sehr wienerisch und weniger experimentell klingt das 1933 in Gmunden entstandene 2. Streichquartett Es-Dur, op. 26, das bereits im US-Exil gedruckt werrden musste. Seinen letzten Beitrag zur Gattung schrieb Korngold 1944 in Amerika: Das 3. Streichquartett op. 34 nimmt zwar Bezug auf einige Filmpartituren, zeugt aber mit seinem schlanken Duktus und seiner ungemein souveränen Verarbeitung von der sich selbst bescheidenden Meisterschaft des Komponisten.

Das Aron Quartett zeichnet diese stilistischen Wandlungen flexibel nach. Es lässt sich auch in den üppigeren Stücken nicht zu sahniger Klangschwelgerei verleiten, sondern hat trotz aller Leidenschaftlichkeit des Vortrags stets die Strukturen, die Korngolds handwerkliche Meisterschaft vermitteln, im Auge. Das Wiener Ensemble verdeutlicht prägnant Korngolds avancierte Harmonik, zeigt die Eigenart des Komponisten ebenso deutlich wie dessen Herkunft.

Erich Wolfgang Korngold: Streichquartette Nr.1-3 und Klavierquintett op. 15.
Aron Quartett, Henri Sigfridsson (Klavier).
cpo, 2 CDs.

 

 

 

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 01.03.2010, 20:33 Uhr

Lange verpönt und nur in der zensurierten Fassung als "Katerina Ismailowa" zugänglich, erfreut sich das Original der bedeutendsten Oper von Dmitri Schostakowitsch immer größerer Beliebtheit. Die Salzburger Festspiele haben "Lady Macbeth von Mzensk" 2001 in einer Inszenierung von Peter Mussbach unter Valery Gergiev herausgebracht, die Grazer Oper übernimmt in der nächsten Spielzeit die Inszenierung, mit der Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann sein Regiedebüt an der Wiener Staatsoper gegeben hatte.

Auf DVD führt Martin Kusejs Amsterdamer Inszenierung, bei der Mariss Jansons am Pult stand, die Qualitätsliste vor dem 2004 mit Nadine Secunde und Christopher Ventris in Barcelona entstandenen Mitschnitt an. Auch die jetzt als DVD und Blu-ray veröffentlichte Dokumentation einer Produktion des Maggio Musicale Fiorentino 2008 kann mit Amsterdam nicht ganz konkurrieren.

Regisseur Lev Dodin meidet die von Kusej drastisch ausgestellte Brutalität, huldigt in den Bühnenbildern von David Borovsky einem folkloristisch angehauchten Realismus, den er bisweilen zu parodistischer Ironie steigert.

In dieser Inszenierung wirkt Vladimir Vaneev als Boris weniger abgefeimt und bösartig als in Amsterdam. Jeanne-Michèle Charbonnet überschreitet mit der Titelpartie ihre stimmlichen Grenzen, Sergej Kunaev bringt für den Sergej kühl kalkulierten tenoralen Charme mit. James Conlon dirigiert sorgfältig, bietet aber im Vergleich zu Jansons eine geglättete, etwas verharmlosende Lesart.

Dmitri Schostakowitsch: "Lady Macbeth von Mzensk".
Jeanne-Michèle Charbonnet, Sergej Kunaev, Vladimir Vaneev, Chor und Orchester des Maggio Musicale Fiorentino; Dirigent: James Conlon.
Regie: Lev Dodin.
Arthaus, 1 DVD bzw. 1 Blu-ray.

 

 

 

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 26.02.2010, 16:05 Uhr

Am Sonntag, dem 28. Februar 2010, wird er sein spektakuläres Debüt an der Wiener Staatsoper feiern. Auf ausdrücklichen Vorschlag von Direktor Ioan Holender singt Max Emanuel Cencic in der Uraufführung der "Medea" von Aribert Reimann den Herold der Amphiktyonen, der Jason und Medea den Bannspruch der griechischen Verbündeten von Korinths König Kreon überbringt. Mit seinem Countertenor soll Cencic, so Reimann, "die Verbindung zu den Göttern herstellen".

Mit der griechischen Mythologie setzt sich der 1976 in Zagreb geborene Künstler, der seine musikalische Grundausbildung bei den Wiener Sängerknaben erhalten hat und heute in Baden bei Wien lebt, auch auf seiner heute erschienenen zweiten Recital für Virgin Classics auseinander. Hatte er vor zwei Jahren seine erste Solo-CD für dieses Label Gioachino Rossini gewidmet, der nur in einer einzigen Oper einen Kastraten eingesetzt und danach seine Hauptrollen für Mezzosoprane geschrieben hat, so präsentiert sich Cencic jetzt im angestammten Repertoire heutiger Countertenöre. Mit einem Dutzend sorgfältig ausgesuchter Arien durchmisst er das Opernschaffen von Georg Friedrich Händel. Seine Auswahl spannt sich von der "Agrippina" des Jahres 1709 bis zum "Imeneo" aus dem Jahr 1740.

Da Händel in diesen Jahrzehnten für mehrere Vertreter der Kastraten-Elite seiner Zeit komponiert und ihnen jeweils maßgeschneiderte Arien geschrieben hat, ergibt sich für Cencic die Möglichkeit, alle Register seines Könnens zu ziehen. Er beeindruckt mit der phänomenalen Höhe seines Mezzosoprans, aber auch mit dessen Geschmeidigkeit bei den virtuos gemeisterten Koloraturkaskaden. Cencic vermag aber auch mit eleganten und klugen Phrasierungen in lyrischen Teilen zu punkten. Präzise verdeutlicht er die jeweiligen Affekte, weil er sich auch nicht scheut, den Schönklang links liegen zu lassen und seine Stimme zu Gunsten des Ausdrucks zu schärfen.

I Barocchisti unter Diego Fasolis und - in zwei Nummern aus der selten zu hörenden Hochzeits-Serenata "Parnasso in festa" - der Coro della Radiotelevisione svizzera stehen ihm als engagierte Partner flexibel zur Seite.

Georg Friedrich Händel: Opernarien.
Max Emanuel Cencic (Mezzosopran), Coro della Radiotelevisione svizzera, I Barocchist, Leitung: Diego Fasolis.
Virgin Classics, 1 CD.

 

 

 

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 23.02.2010, 14:08 Uhr

Bernarda Fink beschert dem Schumann-Jahr anlässlich des 200. Geburtstags des Komponisten einen ersten Höhepunkt. Die selten gesungenen späten "Gedichte der Königin Maria Stuart", op. 135 kombiniert sie auf ihrem jüngsten Recital mit dem populären "Liederkreis", op. 39, sechs Liedern aus dem Zyklus "Myrten",
op. 25 sowie zehn Vertonungen von Gedichten von Friedrich Rückert.

Bei allen 33 Liedern beeindruckt die Sopranistin mit ihrer reifer Gestaltungskunst. Sie verzichtet auf jegliche Eitelkeit und gewinnt dadurch gerade in den spröden und kargen Maria-Stuart-Liedern ganz besondere Eindringlichkeit. Generell fasziniert einmal mehr die schlichte, ungekünstelte Natürlichkeit und Ehrlichkeit ihres Vortrags, dessen feine Schattierungen und Nuancen mühelos aufwiegen, dass die technisch vorüglich geführte, wunderbar warm und weich timbrierte Stimme der 1955 in Argentinien geborenen Sängerin ihren Zenit bereits ein wenig überschritten hat.

Mit Anthony Spiri steht ihr ein ebenso sensibler wie flexibler Pianist ebenbürtig zur Seite.

Robert Schumann: Lieder.
Bernarda Fink (Sopran), Anthony Spiri (Klavier).
harmonia mundi, 1 CD.

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 22.02.2010, 15:05 Uhr

Auf ihren Ohren sitzen die steirischen Konzertveranstalter. Hartnäckig nehmen sie nicht zur Kenntnis, dass der am 10. Juni 1843 in Graz geborene Heinrich von Herzogenberg nicht nur als enger steirischer Freund von Johannes Brahms Eingang in die Musikgeschichte gefunden hat. Er gehört vor allem zu jenen zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Komponisten, deren Wiederentdeckung sich wirklich lohnt. Um diese bemüht sich vor allem das verdienstvolle Raritätenlabel cpo.

Auf seiner bereits elften Herzogenberg-CD kombiniert es das 1876 komponierte Streichquartett d-moll, op. 18 mit dem 1892 entstandenen Streichquintett c-moll, op. 77. Das frühe Streichquartett ist ein Dokument der Abkehr von Richard Wagner und der Neudeutschen Schule, die dieses Genre als veraltet ansah. Das Streichquintett wiederum versteht sich als tönende Trauerarbeit: Der zweite Satz besteht aus "Variationen über ein Lied von Lisl". Lisl war Herzogenbergs Gattin Elisabeth von Stockhausen, die am 7. Jänner 1892 in San Remo gestorben war.

Können auch beide Werke eine Nähe zu Johannes Brahms nicht leugnen, so sind sie doch keineswegs epigonal. Handwerklich exzellent gearbeitet, verraten sie Formbewusstsein und Temperament. Sie wirken durchwegs inspiriert und vor allem das von persönlichem Leid geprägte Streichquintett dringt zu einer subjektiven Expressivität vor, die unmittelbar berührt.

Das in Köln beheimatete Minguet Quartett, das zwischen den beiden Einspielungen den Bratschisten getauscht hat (auf Irene Schwalb folgte Firmian Lermer) musiziert mit großem Engagement und auf hohem Niveau, das im Quintett auch der oberösterreichische Bratschist Peter Langgartner hält.

Heinrich von Herzogenberg: Streichquartett d-moll, op. 18; Streichquintett c-moll, op. 77.
Minguet Quartett, Peter Langgartner (Viola).
cpo, 1 CD.

 

 

 

Ernst Naredi-Rainer

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