10. Februar 2012 09:52 | |||||
|
|
Mitglied seit: 17.10.2006
|
|||
Liebe Userinnen und User! Wichtige Informationen zu den Meine-Kleine-Weblogs
Herzlichen Dank, dass Sie unser Weblog-Service in den vergangenen Jahren intensiv und hoffentlich zu Ihrer Zufriedenheit genutzt haben. Leider ist es uns nicht länger möglich dieses Angebot technisch mängelfrei zur Verfügung zu stellen, weswegen wir auch auf eine Wartung der bereits bestehenden Blogs und Statistiken verzichten müssen. Wir hoffen, Ihnen in absehbarer Zeit eine attraktive Alternative in diesem Bereich anbieten zu können.
Mit der Bitte um Ihr Verständnis,
Das Team von Kleine Zeitung Digital
Wäre dies das Debüt einer jungen Band aus, sagen wir, Kanada, die Presse (und nicht nur die) würde anders reagieren. Ein Versuch.
Der Opener des Jahres heißt „Living well´st he best revenge“. Was diese junge (kanadische, wir erinnern uns) Truppe hier abfeuert, ist der vertonte Grund, warum so manch alt eingesessene Band (unter Umständen aus Irland stammend) keine Daseinsberechtigung mehr hat. Gitarren lernen in diesem Furiosum das Laufen, die Lyrics – stets in der aggressiven Schwebe zwischen Verzweiflung und blanker Wut – feuern Tiraden gegen die (US-)Medien und geben die Marschrichtung für die folgende halbe Stunde vor.
Die Band landet den betäubenden Dreifachschlag zu Beginn souverän, gefolgt von der süßen Pop-Hmyne „Hollow Man“, nur um mit „Houston“ knietief im dreckigsten Basslauf seit Jahren zu versinken. Keyboards beinhaltet die Platte kaum, auch klassische Balladen werden zum seltenen Gast, einzig „Until the day is done“ hält kurz grandios inne, mehr noch um einmal tief Luft zu holen, angesichts der schieren Gewalt des abschließenden Trios durchaus eine weise Überlegung. Was da auf einen zurollt, muss erst einmal verdaut werden. „Sing for the Submarine“, reich an Selbstzitaten, wird zur elegischen Hymne einer verlorenen X-Generation. Ohne Kampf und großem Ziel, lediglich um romantische Ideen beraubt, bleibt das Schwelgen in vergangenen Träumen der 90er. Erst dann folgt wie Pech & Schwefel das klangliche Paar Wut & Apokalypse. „Horse to water“ und „I´m gonna DJ“ schmeißen mit einer Wucht raus, die einen fassungslos zurücklässt. Sofort noch mal. Und wieder. Ganz große Kunst und hoffentlich das „next big thing“.
PS: Ach ja, es handelt sich hier tatsächlich um R.E.M. Natürlich, was wurde nicht geschrieben, ein „Comeback“ verlangt und Tempo gefordert. Ist es das jetzt? Spielt das denn wirklich eine Rolle? Wer dem scheinbar unausweglichen Vergleich mit vergangenen Großtaten nicht aus dem Weg gegen möchte, der darf ja jetzt getrost eine Platte abziehen.
Sebastian Krause
„Orchestral Manoeuvres In The Dark“? Hmm? Nein, Bands wie diese werden heute wohl nicht mehr gemacht und hätten mit einem Namen wie diesem auch gar keine Chancen. Umso erstaunlicher war es auch, als Andy McCluskey Anfang 2007 die lange verweigerte Wiederkehr seines Liverpooler Elekro-Synthie-Projekts in der Originalbesetzung der frühen 1980er-Jahre verkündete. Will heißen: Gründungsmitglied Paul Humphreys an den Tasten und am Mikrofon, Martin Cooper (ebenfalls an den Keyboards und am Saxophon) sowie Malcolm Holmes (Schlagzeug).
1989 ging man getrennte Wege, McCluskey machte quasi solo mit mäßigem Erfolg bis 1996 weiter, die einzigen nennenswerten Hits aus diesen Jahren sind „Sailing On The Seven Seas“ (1991) und „Walking On The Milky Way“ (1996). Der Schwerpunkt dieser Live-Aufnahme (es ist die erste in der dreißigjährigen Bandgeschichte) liegt aber zum Glück anderweitig: Das damals bahnbrechende Album „Architecture & Morality“ (3,5 Millionen Stück wurden seit 1981 verkauft) wird erstmals live und komplett gebracht – und das in keiner Sekunde angestaubt oder nicht souverän. Den Single-Hit „Maid Of Orleans“ kennt jeder mit einem einigermaßen ausgeprägten Sinne für Popmusik über 25, doch der gehört noch zu den schwächeren dieses Albums. Perfekter Pop, nie banal, immer ein wenig schwermütig.
Dazu brachte das Quartett in London am 18 und 19. Mai 2007 noch eine Handvoll der ganz frühen Perlen ("Electricity", „Messages“, „Enola Gay“ und als großartigen Rausschmeisser „The Romance Of The Telescope“), die spätere Kommerzware ab 1983 wurde größtenteils ausgespart (man wusste, warum). Stimmlich noch bestens beisammen, gab Sänger und Bassist McCluskey wieder – seltsame Tanzschritte inklusive – den Frontmann von damals, seine Bandkollegen unterstützten ihn makellos.
Wer sie billig abstempeln will, könnte sie als eine jener unnötigen Eighties-Revivals bezeichnen, doch das stimmt hier nicht: OMD sind noch immer/wieder großartig. Für Ende 2008 ist ein neues Studioalbum geplant, das erste in dieser Besetzung seit 1986: Der Rezensent freut sich schon, und – erinnert er sich an die begeisterten Massen im ausverkauften Hammersmith Apollo im vergangenen Mai – auch ein paar andere Fans…
"Architecture & Morality And More (Live) " (Eagle Rock), CD
Orchestral Manoeuvres In The Dark
Thomas Golser
Zugegeben: Das erste, was dem Rezensenten ins Auge stach, war natürlich das ausnehmend hübsche Lolita-Plattencover. Darüber hinaus war zunächst nicht viel bekannt über diese Brisa Roché (1976 geborene US-Amerikanerin, die es nach Frankreich zog), die sich dem Fotografen schon mal nur im Unterhöschen präsentiert und die man im ersten Moment für Björks kleine Schwester halten könnte. Doch es gibt eben doch noch angenehme Überraschungen im Leben - vor allem dann, wenn man wieder einmal der Hörsinn nach einer perfekten Popstunde steht.
Hinter den Äußerlichkeiten steckt nämlich fabelhafte Musik: Mit "Takes" liegt feinster, schrummelnd-stolpernder Lo-Fi-Pop mit deutlichen Sixties-Anleihen vor - produziert wurden die knapp 58 Minuten (aufgeteilt auf 16 Songs) vom fabelhaften Henry Hirsch, seines Zeichens Langzeit-Mitstreiter des gar nicht so fabelhaften Lenny Kravitz. Hier hört man die Talking Heads, Heather Nova, Lou Reed im "velvet underground" und doch auch ein wenig Björk (minus anstrengender Sound-Eskapaden) durch. Nichts Neues, aber doch inspirierend, das geht - und wie! Auch die angenehm verschwurbelten Texte fügen sich fein ins Gesamtbild.
"Heavy Dreaming", "Breathe In, Speak Out", "Egyptian", "The Building", "Trampoline" und "Without A Plan" könnten in einer von besserer Radiomusik beschallten Welt allesamt schöne Single-Hits sein. Wunderschön auch: "Hand On Steel". Die Platte (über Brisas "blogspot"-Seite auch als schönes Doppel-Vinyl bestellbar) wirkt alles andere als überproduziert, doch das tut ihr nur gut. Neben Brisas herrlich kratziger Stimme geben in der Hauptsache Gitarre, Schlagzeug und Bass den Ton an, daneben gibt es wohldosierte Tupfer von Vibraphon, Glockenspiel und altertümlichen Tasteninstrumenten.
Ein Geheimtipp allererster Güte, zweifellos! Höchstnote.
"Takes" (Discograph/Alive), CD/Doppel-Vinyl
Brisa Roché
Thomas Golser
In Zeiten, in denen es schon alles gibt bedarf es manchmal der Frage nach dem einfachen Ausweg. Der Feststellung ‚Es ist doch so einfach!’ und der daran gebundenen Frage ‚Warum ist da nicht schon früher jemand `draufgekommen?’ dürften sich auch die Mitglieder des New Yorker Quartetts Interpol gegenüber gesehen haben.
Denn was da aus dem Lautsprecher fließt ist nicht neu und auch nicht revolutionär, dennoch bleiben die Münder offen stehen, die Beine zittern und das Herz fügt sich. Nach einer ähnlich virtuosen Symbiose von eingängigen Riffs, fast schon hypnotischem Schlagzeug und der herausragenden Klangfarbe von Frontmann Paul Banks’ Stimme wird man selbst im ausgesuchtesten Plattenladen lange suchen müssen.
Das Erstlingswerk ‚Turn on the bright lights’ ließ schon 2002 großes, phantastisches gar, erkennen, mit dem 2005 erschienenen ‚Antics’ wurden Interpol zum ausgewiesenen Feuilletonisten- Liebling und die Fangemeinschaft vervielfachte sich. ‚Our Love to admire’ hatte es also in etwa genauso leicht wie der kleine Bruder des hochbegabten Spitzensportlers, schafft den Sprung über diese selbstgelegte Linie aber mit Leichtigkeit.
Die Füße möchten vor Erwartung im Boden scharren wenn ‚Pioneer to the falls’, hiermit zum besten Album- Opener des Jahres deklariert, seine bedrohliche Stimmung bis zum Zerreißen spannt.
Was folgt ist eine Ansammlung dessen, was bisher einzig Interpol so meisterhaft beherrschen, dass es fast ein wenig beängstigend ist. Es ist laute Musik für die leisen Momente, die Augenblicke in denen man die Stille nicht erträgt. Dann, genau dann, kommt ‚Our love to admire’, nistet sich in den dunkelsten Ecken der eigenen Seele ein, und bleibt dort hängen.
So steuert das Album durch die Dunkelheit, nur das ‚Heinrich Maneuver’ wirft einen Lichtschein, zum wahrscheinlich ersten Mal in der Geschichte der Band, und für kurze Zeit ist tatsächlich alles gut.
Doch die wirklich großen Momente sind immer noch die Kleinen, wenn die gewaltige Wand aus Klang und Worten anfängt zu bröckeln, wenn die Gitarren das Tempo trotzig vorantreiben während Banks vor der Liebe und dem Leben resigniert.
‚Our love to admire’ bäumt sich auf und fällt in sich zusammen, zurück bleibt man mit einem leisen Krachen ,wenn die Eisdecke über dem Herzen bricht.
"Our Love to Admire", Interpol, Capitol Records
CD, Vinyl
Schön wie einem die Beastie Boys entgegenkommen: Reagierte man auf Hip-Hop bisweilen eher allergisch, kann man die vier weißen Jungs aus New York – Mike D (Mike Diamond), MCA (Adam Yauch), Ad Rock (Adam Horovitz) sowie Money Mark (Mark Ramos Nishita) – nun auch einmal anders erleben. Alles auf dem Instrumental-Album „The Mix-Up“ ist angenehm sample- und rapfrei, dafür wurde in klassischer Besetzung mit zusätzlicher Percussion-Abteilung richtig musiziert. Rhythmus minus Verbal-Ergüsse also.
Die klugerweise recht kurz gehaltene Platte (fabelhaftes Cover übrigens!) ist ein Sammelsurium von Zitaten aus der Pop-Geschichte, wirkt in Summe aber trotzdem deutlich konsistenter und homogener als die erste Sammlung von instrumentalen Titeln ("The In Sound From Way Out!" von 1996). Ein angenehm und appetitlich angerührter Eintopf – nichts, was übermäßig konzentriertes Zuhören erforderlich machen würde, als niveauvolle Hintergrundmusik für Kenner allerdings eine gute Sache.
Klar ist, dass die Burschen der 1981 gegründeten Formation auch nicht jünger werden, und bislang wurde der Beweis dafür, dass man in der Hip-Hop- und Crossover-Ecke mit Würde alt werden kann, noch nicht oft erbracht: „The Mix Up“ ist also auch insofern ein kluger Schachzug - die Sechziger und Siebziger mit Hammond, Moog-Synthesizer, viel Schlagzeug und echten Gitarren und Bässen zu zitieren, war so falsch nicht. Zudem hat sich diese Idee auch schon bei Live-Shows durchaus bewährt.
"B(oys) E(ntering) A(narchistic) S(tates) T(owards) I(nternal) E(xcellence)" soll “Beastie” ja tatsächlich bedeuten, doch hier regiert eher gut gelaunte Nostalgie als verordnete Anarchie. Man darf gespannt sein, wie es weiter geht mit den Beastie Boys…
"The Mix-Up" (Capitol/EMI), CD/Vinyl
Beastie Boys
Thomas Golser
Von der englischen Folk-Legende Nick Drake (hier ist das Wort „Legende“ ausnahmsweise zutreffend), gibt es nur drei Studio-Alben, eine Handvoll Studio-Outtakes (und ein paar Demos bzw. Privataufnahmen, wie sie hier vorliegen). Man kann also nur erahnen, zu welchen musikalischen Großtaten der Mann aus Tanworth in Arden noch fähig gewesen wäre, hätte er sich nicht 1974 als 26-Jähriger das Leben genommen. Der Drake-Fan, der jede Nuance, jeden Ton seines schmalen und kompromisslos melancholischen Gesamtwerks bereits wie im Traum kennt, wird daher „Family Tree“ mit offenen Armen entgegennehmen. Lässt man sich von der bescheidenen Klangqualität (sämtliche Tracks wurden mit vorsintflutlichen Tonbandgeräten aufgezeichnet) nicht abschrecken, wird man reicher belohnt als man glaubt. Nichts für Einsteiger freilich, eher ein würdiger Nachschlag für ihm Verfallene.
Es wäre ja nur zu einfach, diese seltsame Sammlung von vor gut 40 Jahren aufgenommenen Songs und Songskizzen, entstanden hauptsächlich während eines Aufenthaltes in Aix-en-Provence und in seinem Elternhaus als Ausverkauf oder gar als Leichenfledderei zu verdammen. Doch man sollte es sich nicht zu leicht machen: Drake gibt hier den (noch ein klein wenig grünen) Bluesmusiker, interpretiert durchwegs überzeugend Naheliegendes und Obskures aus fremder Feder und hat bereits frühe Versionen eigener Klassiker im Ärmel. Unglaublich zudem, welch brillanter Gitarrist er schon in frühen Jahren war, entstanden doch alle Aufnahmen vor 1968. Dazu kommt, dass man Drake (von dem es nachweislich keine einzige Filmaufnahme gibt) erstmals zwischen den Songs sprechen hört. Könnte man vielleicht auf das Duett mit seiner Schwester oder die beiden Lieder seiner Mutter verzichten, so verstärken sie in Summe doch den Eindruck, dass man es hier mit einer durchaus mit Bedacht und Liebe zusammengestellten Sammlung zu tun hat. Dazu kommt ein vorzügliches Booklet.
Als Nick Drake starb, war er – schenkt man Biographien Glauben – mit nur 26 Jahren am Ende seiner Kräfte und zerfressen von nagenden Selbstzweifeln bzw. der Unfähigkeit mit der Außenwelt (abseits der Musik) zu kommunizieren. Wenigstens in diesem Fall stimmt die alte These, dass innerer Schmerz und Zerrissenheit zu erhabener Kunst beflügeln können: War auch sein Tod nicht erhaben, seine Musik wird es für immer bleiben.
Drake hat einige der schönsten Songs des letzten Jahrhunderts geschrieben, wer süchtig danach werden will, sollte sich die Original-Alben in der Reihenfolge ihres Erscheinens zulegen. Dem Vernehmen nach ist von „Family Tree“ auch eine Vinyl-Ausgabe geplant, zudem gibt es das Box Set „Fruit Tree“ mit allen Studioaufnahmen und einer CD mit Raritäten bald wieder zu kaufen, auf eine limitierte Vinyl-Box davon darf man ebenfalls hoffen.
"Family Tree" (Island/Universal), CD/Vinyl
Nick Drake
Thomas Golser
Crippled Black Phoenix - A Love of shared Disasters
Ein sich im Sturm verlorenes Feld, das Knistern eines fast leeren Zigaretten-Softpacks, das mechanische Pochen einer Schreibmaschine oder ein heftiges Gewitter in der schwärzesten Nacht des Jahres. Crippled Black Phoenix machen Musik für bodenlose Momente, lassen Szenen des eigenen Lebens zu einem Arthouse-Film aufleben, lassen den Hörer endlich wieder das Gefühl grenzenloser Begeisterung erfahren.
Das Album "A love of shared disasters" als Musik zu bezeichnen, wird dem Anspruch der Band zu keinem Zeitpunkt gerecht. Die Band dreht Filme, variable Szenen im Kopf erzeugen immer wieder das gleiche Gefühls-Schema. Individuelles Kino mit dem gleichen Ergebnis, die unterschiedlichen Bilder gehorchen der Anweisung eines Regisseurs, tausende Gedanken, individuell und frei, doch immer ganz genau da, wo die Band sie haben will.
Die Richtung ist stets offen, der sechsköpfige Phoenix (mit Mitgliedern aus Bands wir Iron Monkey oder Mogwai) windet sich nur langsam, lässt sich Zeit. Offene, elektrische Soundgebirge begegnen einem ebenso wie direkte, stoisch gitarrengetriebene Songs, die trotz der Bestürztheit und Trauer ein Gefühl der Euphorie auslösen. Verbrannte Asche, ein Trip durch die Hölle und doch eine himmlische Freiheit.
Was Crippled Black Phoenix mit ihrem Debüt geschafft haben, ist einmalig. Es ist bei richtiger Stimmung eine Auferstehung, der Start aus der Asche wird zu einem schwermütigen Höhenflug, das Ende findet dieser in einigen der besten und konzentriertesten Songs des Jahres.
"A love of shared disasters", Crippled Black Phoenix, Invada (Cargo Records). CD, Vinyl.
Sebastian Krause
Ryan Adams macht eine neue Platte. An sich ist das kaum etwas außergewöhnliches von einem, dessen neues Werk "Easy Tiger" sich bereits als neuntes in sieben Jahre Solo-Karriere beziffern lässt. Doch auch diesmal bleibt alles anders, Adams verzichtet auf das Anhängsel "& The Cardinals", wenn auch nicht gewollt, wie er in unzähligen Interviews erzählte. Es sei womöglich sogar sein letztes Solo-Album, er wollte lieber mit seiner Band für Furore sorgen, anstatt "alleine und mit meinem Gesicht auf dem Cover".
Der unruhige Adams macht mit Easy Tiger also einen kleinen Schritt zurück, er verzichtet auf die ausufernden Grateful Dead-Jams die seine letzte Großtat "Cold Roses" zu verdientem Ruhm zu führen wussten. Es wird wieder besinnlich musiziert, freilich sind die Cardinals auch wieder dabei, wenngleich die Musik phasenweise sehr unbeholfen glatt daherkommt. Die Cardinals lauern im Hintergrund, in Wartestellung, der Tiger, der- garnicht so easy- auf seine Freilassung wartet. Man bekommt das Gefühl, es sei nicht die Platte, die Mr. Adams machen wollte, eher ein Abgesang auf sein Label Lost Highway, dessen Vertrag er nun (endlich) erfüllt hat.
Die großartige Starter "Goodnight Rose" macht da weiter, wo Cold Roses aufgehört hat, fängt die unglaubliche Energie der Liveband ein, alles nur, um mit der ersten Single "Two" in eine Art Winterschlaf zu fallen. Man kann es fühlen, das hier ist nicht d e r Ryan Adams. Das ist der Radio-Ryan oder der Advertising-Adams, nicht aber die stampfende und lebendige Energie der Cardinals. Die Band selbst ist auch schon wieder ganz wo anders, zu empfehlen ist hier die Inter-Seite www.archive.org, wo es so ziemlich jedes Konzert der letzten Jahre zum kostenlosen und legalen Download gibt.
Auch Easy Tiger hat jedoch Höhepunkte zu vermerken, ein schlechtes Album kann dieser Mann kaum machen. "Oh my god, whatever,etc.", Anwärter auf den Songtitel des Jahres erinnert an die großen Songs des Americana-Genies, "The sun also sets" zeigt die Cardinals in all ihrem Glanz. Doch dazwischen vieles, dass das Radio erfreuen wird, nicht aber den Ansprüchen der verwöhnten Fans und auch der Musiker selbst genüge tun wird: "Two Hearts" dudelt vor sich hin, "Ripoff" ist beim letzten Ton schon wieder vergessen.
Trotzdem: Easy Tiger ist großartig. Doch will man das von einem, der sonst stets Wunder vollbringt?
Ryan Adams. "Easy Tiger". Mercury (Universal). CD, Colored Vinyl. ![]()
Joey Burns und John Convertino sind seit einem guten Jahrzehnt die unverwechselbare Schnittstelle zwischen Rock, Folk, Jazz und mexikanischer Folklore - kurz Calexico. Neben durchaus erfreulichen regulären LP-Veröffentlichungen gibt es zu jeder Tour spezielle "Tour Only Releases", die Spaß machen.
Die neue Scheibe "Toolbox" sticht allerdings etwas hervor, und das aus zwei Gründen: Erstens sind alle vierzehn Titel instrumental. Zweitens spielten die beiden sympathischen Amerikaner ihr Album im Alleingang ein: Convertino bedient wie immer superb das Schlagwerk, greift daneben aber auch in die Tasten und spielt Vibraphon. Burns spielt natürlich wie immer Gitarre, daneben aber auch Bass und Keyboards und hat zudem allerlei andere exotischere Instrumente aus den Kistchen gekramt (daher auch der Titel "Toolbox"). "We wanted to go back to basics and see what we could do with just a handful of instruments played between the two of us", meinte Burns zur Rückkehr zu den Anfängen des einstigen Duos.
Die Musik ist wie immer Calexico pur, und das ist auch gut so: Man braucht relativ wenig Fantasie, um sich hier staubige Wüsten, Blicke in den endlosen und wolkenlosen Himmel und die eine oder andere Einkehr in eine Kneipe im amerikanisch-mexikanischen Grenzgebiet vorzustellen. Die Musik ist andererseits aber viel zu gut, um sich in Klischees zu verlieren. Burns konstatiert, was rausgekommen ist und an wen sich das neue Album richtet: "It was fun and sounds good with lots of soundtrack worthy material and headphone friendly sounds for those who never leave home without their bubble (sprich: iPod) ".
Minimalistisches à la Satie, Song-Skizzen, Ohrwürmer wie aus einem Italo-Western und Folk-Songs auf höchster Ebene. Exzellent.
Zu haben ist das Album nur bei den Calexico-Sommershows und auf der offiziellen Website www.casadecalexico.com.
"Toolbox" (Our Soil, Our Strength), CD
Calexico
Thomas Golser
Es gibt so viele Comebacks, die schlicht überflüssig sind. Und es gibt jene raren Comebacks, die gut tun. Die Renaissance von Crowded House elf Jahre nach Auflösung der neuseeländisch-australischen Band gehört definitiv zur zweiten Sorte.
Sänger, Songschreiber und Gitarrist Neil Finn war eigentlich drauf und dran, sein drittes Solowerk einzuspielen, als er wieder Lust nach dem Bandgefüge mit Gründungsmitglied Nick Seymour am Bass und Mark Hart (Gitarre, Keyboards, ab 1993 mit Crowded House) verspürte. Rausgekommen ist ein ganz typisches Crowded House-Album - und auch wieder nicht: Finn schreibt zwar harmoniesüchtige Songs wie eh und je (der Vergleich mit den Beatles greift hier viel zu kurz), allerdings mit gehöriger Melancholie: Beschwingte Hit-Singles wie "Weather With You" von 1991 wird man hier vergebens suchen, doch das war ganz offenbar auch nicht Finns Absicht. Verarbeitet wird in den neuen Texten ganz klar der Freitod des Crowded House-Schlagzeugers Paul Hester. So wie der Abschied von ihm offenbar Zeit braucht, um verwunden zu werden, so braucht dieses Album Zeit, um zu wachsen.
Es geht hier um den Tod (z.B. im verhaltenen Album-Opener "Nobody Wants To"), Erinnerung und Enttäuschung. Allerdings wird "Time On Earth" (auch als liebevoll aufgemachtes Doppel-Vinyl mit zwei Extra-Titeln) deshalb zu keinem Zeitpunkt mühsam oder gar tranig: Finn schüttelt nach wie vor mühelos Pop-Perlen aus dem Ärmel, wie sie andere Bands ihre ganze Karriere nachlaufen, der Mann scheint den Pop erfunden zu haben, so scheint es jedenfalls. Die erste wunderbare Single "Don't Stop Now" (mit Ex-Smiths-Gitarristen Johnny Marr), die Weltenschmerz-Ballade "Pour Le Monde" oder das energischere "Walked Her Way Down" sind nur drei weitere Beispiele dafür...
Crowded House kommen 2007 auch nach Österreich, um hierzulande ihren Ruf als superbe Live-Band zu bestätigen.
"Time On Earth" (Island/Universal), CD/Doppel-Vinyl
Crowded House
Thomas Golser

Es gibt Dinge, die kommen immer wieder, unaufhaltsam: Neujahrs-Ansprachen eines Herrn Bundespräsidenten, wetter- und alkoholbedingtes Kopfweh, Ebben am Konto. Und Alben von Bon Jovi – jener Band, die seinerzeit ganz oben auf der „Hair Metal“-Welle trieb. Seit jeher biegbares Leichtmetall, freilich.
Jon Bon Jovi und seine haltbaren Mitstreiter Richie Sambora, Tico Torres und David Bryan musizierten wieder miteinander, Resultat ist das mittlerweile zehnte Album seit dem Debüt von 1984 (diverse Live-Alben und Koppelungen nicht mitgerechnet). Angeblich gab es eine Kursänderung. Angeblich brach man aus dem musikalischen 08/15-Schemata aus – und machte ein Country-Album. Angeblich. Faktum ist: Bon Jovi bleiben Bon Jovi. Und mit echtem Country abseits von Nashville-Kommerz (wie vollmundig angekündigt wurde) hat „Lost Highway“ selbstverständlich nichts zu tun, da helfen auch ein wenig Akkordeon, Mandoline, Banjo und Pedal Steel-Gitarre nicht wirklich. Tut leid, Jon.
Das Tempo der elf Songs wurde insgesamt vielleicht etwas gedrosselt, schließlich wird auch die Kundschaft nicht jünger, gerockt wird 2007 höchstens noch auf der Bühne, Schunkeln ist ab sofort dringend erlaubt. Geblieben sind die Wegwerf-Refrains („Hey, hey, I finally found my way“) und die typischen Herzeleid-Balladen (z.B. die erste Single „You Want To Make A Memory“), der Band mit jenem Namen, mit dem sich auch Schokoriegel gut verkaufen ließen. Dem Vernehmen nach wird auch das schmeichelweiche „Till We Ain’t No Strangers Anymore“, das Duett mit LeAnn Rimes, bevorzugt von nahe am Wasser gebauten LKW-Fahrern nach Mitternacht auf schlecht asphaltierten Highways gehört.
"Lost Highway" ist in Summe so originell und spannend wie die Heizkostenabrechnung vom vorletzten Jahr. Dazu singt Jon Bon Jovi allen Ernstes Textzeilen, wie „Du machst, dass es sich anfühlt wie Sommerzeit – Verdeck runter und nichts als Zeit. Das Radio läuft und du neben mir, es fühlt sich an wie Sommerzeit“. Ist gut, Jon, wir glauben Dir alles. Oder nichts. Je nachdem. Zu „Lost Highway“ wird übrigens gut abgestandenes, lauwarmes „Budweiser“-Dosenbier (die amerikanische Plörre, nicht das feine, tschechische Original) perfekt passen...
"Lost Highway" (Island/Universal), CD
Bon Jovi
Thomas Golser
Nur wirkliche Größen schaffen es ein Album hervorzubringen, das von der ersten bis zur letzten Nummer überzeugt und somit als ein Werk bezeichnet werden kann.Genau das ist The National mit „Boxer“ gelungen, ein Album wie aus einem Guss.Auch braucht der neue Wurf Vergleiche zum Vorgänger nicht zu scheuen, die hohe Qualität wurde beibehalten. Die Band setzt sich aus den beiden Brüderpaaren Aaron und Bryce Dessner, Scott und Bryan Devendorf und dem Sänger Matt Berninger zusammen, den man getrost als einen der besten Songwriter weltweit bezeichnen darf. In den Songs schwingt durchwegs eine gewisse Melancholie mit, die einen aber nie zu erdrücken droht, im Gegenteil wird ein Gefühl der Hoffnung und Zuversicht vermittelt.Das mag sich jetzt nach großer Dramatik anhören, tatsächlich klingen die Lieder aber sehr entspannt und, im positivsten Sinne des Wortes, simpel. Es verwundert kaum, dass hier der geniale Sufjan Stevens mitgewirkt hat, kein anderer würde besser zu diesem Sound passen. Piano und Akustikgitarre sind die „dominanten“ Instrumente, oft macht aber das herrlich deftige Schlagzeug müden Nummern Beine. Manche Lieder erinnern der Melodie wegen leicht an Coldplay, wobei zu genannter Band nahezu keine Parallelen bestehen. Gut so, denn „die zweiten Coldplay“ wären zum einen verzichtbar und zum anderen würde es an eine Beleidigung grenzen The National als solche zu bezeichnen. Die Frage ob die fünf New Yorker „the next big thing“ sind erübrigt sich, den Status haben sie schon längst hinter sich gelassen.
Hören. Eintauchen. Genießen.
"Boxer", (Beggars Ba), CD/Vinyl
The National
![]()
Stephan Offenbacher
Wilco machen also eine neue Platte. Was einem da ins Haus bzw. in die Boxen getragen wird, ist allerdings nie „nur“ ein Album. Jeff Tweedy und Co haben eine geradezu manische Fangemeinde, jede Vertonung der Amerikaner wird behandelt wie ein lebendes Wesen, nie sachlich, dafür aber höchst emotional. Schließlich hält die Band zusammen mit Bright Eyes und Ryan Adams die Fahne der Randgruppierung des alt.country in Öffentlichkeit hoch. Nie, allen Versuchen zum Trotz, sind Wilco dieser Schublade entwischt. Spielen sie Krautrock, wird einfach das Ganze Genre mal eben erweitert, mal Prog oder Jazz, alles verträgt sich harmonisch unter dem großen Deckmantel des alternativen Country.
Doch diesmal wird alles anders, bleibt alles gleich: Wilco versuchen kaum, die Grenzen auf ein Neues zu erweitern, sie bleiben bei dem was sie ohnehin schon meisterlich beherrschen und schaffen Songs, die in ihrer einfachen und reduzierten (produziert wurde auch „Sky blue sky“ wieder von Jim O. Rourke) Art mit ihrer Schönheit bestechen sollen.
Alles klingt diesmal locker, der Hörer wird zum Gast ihm Proberaum, man trinkt Rotwein, lehnt sich zurück und genießt: „I survived, that´s good enough for now“ tönt Mastermind Tweedy im Titelstück.
Waren die Songs des Vorgängers „A ghost is born“ teils schwermütig und brachial, so schwingt dieses mal eine Verspieltheit durch den Raum, die Band schüttelt die Akkorde und Melodien aus dem Ärmel wie die weit verzweigten Wurzeln eines alten Baums. Alles hat seinen Platz, nichts könnte anders klingen.
Die Songs hingegen sind diesmal weiblich. Man fühlt sich umworben von den süßen Klängen des Openers „Either Way“, „Impossible Germany“ ist die Schöne im leichten Sommerkleid. Erst ab der Hälfte wird es bissiger, grade als man beginnt, sich in die unbekannte Schöne zu verlieben, hält sie einen auf Distanz und zeigt einem seine Grenzen.
Wenn sich der Kreis am Ende doch noch schließt, der Rauswurf „On and on and on“ macht weiter, von „Either Way“ aufhörte, ist der Entschluss jedoch längst gefallen:
Wilco haben eine gute Freundin erschaffen, lange und innig musste man sich kennenlernen.
Nur führ eine Geliebte hat es diesmal nicht ganz gereicht.
"Sky blue sky", (Nonesuch/Warner), CD/Doppel-Vinyl
Wilco
Was für eine Platte! Was für eine Platte, aber auch im Sinne von: Was für eine Platte ist das eigentlich? "The Cinematic Orchstra" rund um Jason Swinscoe legt mit ihrem mittlerweile vierten Album "Ma Fleur" kein Easy Listening vor, doch übertrieben schwierig wird es dem Hörer auch nicht gemacht.
Der einstige Londoner Szene-Guru wollte dieses Mal den akustischen, folkigen Aspekt seiner Musik in den Vordergrund, Jazz und Electronica klar in den Hintergrund stellen. Herausgekommen ist grandiose Musik für Kopfkino-Spätvorstellungen. Schätzen viele Fans das Erstlingswerk "Motion" nicht zu Unrecht als bahnbrechend ein, belohnt auch "Ma Fleur" reich, allerdings erst nach mehrmaligem Hören. Die Platte folgt einer unsichtbaren Dramaturgie, die man nicht gleich verstehen wird und wohl auch nicht verstehen soll.
Die großartigen Stimmen von Fontanella Bass, Louise Rhodes und Patrick Watson veredeln die dahintreibenden und mitunter erstaunlich klassisch gehaltenen Arrangements. Klingt der Opener "To Build A Home" noch verdächtig nach der britischen Weltschmerz-Stadienfüller-Band Coldplay, verlässt man diese Route dann Gott sei Dank.
Hier gibt es Ambient Music im besten Sinne des Wortes, die allerdings nicht zu konfus, artifiziell und beiläufig daherkommt, sondern sich lieber auf gute Songs verlässt: Eine so schöne und ergreifende Nummer wie "Breathe" hat man schon lange nicht mehr gehört, so viel ist sicher. Großartig auch die Instrumentals, die der clevere Bandleader einstreut.
Mag sein, dass Fans der noch elektronischer gehaltenen Alben "Motion" und "Everyday" mit dem neuen nicht mehr viel anfangen können, doch wie meinte Mastermind Swinscoe so treffend: "Es fühlt sich gut an, zur Schlichtheit der Kombination von Gitarre, Stimme und Piano zurückzukehren". Eine recht abrupte Um-Orientierung also, doch es treibt weiter schöne Blüten, nomen es omen.
"Ma Fleur" gibt es übrigens nicht nur als CD (Standard-Version und limitierte Version), sondern auch als ganz wunderbar aufgemachte (und zugegebenermaßen nicht ganz billige) Doppel-Vinyl-Edition – für jene Glücklichen, die dem Plattenspieler noch dem iPod den Vorzug geben. Bleibt standhaft!
Thomas Golser
Soulsavers - It´s not how far you fall, it´s the way you land
Nun, bei solch einem Bandnamen geht man natürlich mit gewissen Erwartungen an das Album heran. Wer sich allerdings fröhliche heile-Welt-Musik erwartet liegt mit seiner Einschätzung ziemlich daneben.
Stimmungsaufhellend wirkt lediglich die erste Nummer auf dem Album, „Revival“, allerdings nur solange man sich nicht das Video dazu ansieht, welches mit seinen teilweise furchteinflößenden Szenen eher negative Auswirkungen auf den Gemütszustand hat.
Nicht selten sind die Songs nämlich voller Wehmut, Trauer, Schmerz und Leid, laden zum gepflegten schlecht Fühlen ein, ein passender Soundtrack zu einem verregneten Sonntag der zu Ende geht.
Auf allen Songs (ausgenommen Instumentals) stellt Mark Lanegan, ehemaliger Frontman der „Sreeming Trees“ und Gastsänger bei den „Queens of the Stone-Age“, seine wundervolle Reibeisenstimme zur Verfügung und wird bei Zeiten auch von alten Bekannten wie Will Oldham (alias Bonnie „Prince“ Billy) oder Jimi Goodwin (Doves) unterstützt. Die beiden Sängerinnen Lena Palmer und Wendy Rose vom „London Community Gospel Choir“, die unter Anderem schon auf Nick Cave’s Album „Abattoir Blues / The Lyre of Orpheus“ zu hören waren, verleihen den Songs mit Kirchenlied- Charakter den letzten Schliff.
Alles in Allem ein sehr gelungenes Album der Herren Rich Machin und Ian Glover, das besonders jenen ans Herz gelegt sei, die auch an Nick Cave oder „Antony and the Johnsons“ Gefallen finden.
Geschmacksrichtung: Edelbitterschokolade.
Stephan Offenbacher
Travis haben, freilich ohne es zu wissen, ein Konzeptalbum über Kaugummi gemacht. Etwas weich ist die Konsistenz und etwas zu schnell kommt man auf den, inWahrheit faden, Beigeschmack, der einen hungrig zurücklässt.
Natürlich sei dahingestellt, woher der Autor dies zu glauben weiß, doch es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass den Jungs aus Glasgow auf ihrem neuen Longplayer "The Boy with no Name" ein wenig die Ideen ausgegangen sind. Immer schon waren die Vier für ihre verspielten Melodien bekannt, die sich ganz klangheimlich im Gehörgang ein Dauerquartier einrichten.
Die nervige Single "Closer" dient dem Zweck, den Fan bei den vertrauten Hörgewohnheiten abzuholen und in ein Album zu entführen, dessen zwölf Tracks problemlos das gesamte Spektrum der Band abzudecken wissen. Ein Best-of ohne dem Besten, darf man meinen. So bemühen sich Travis, anders zu klingen, ohne damit zu verschrecken, spielen mal schneller, ohne Krach zu machen und singen von der Liebe, um weiter geliebt zu werden.
Es wird wieder funktionieren, die Songs werden auf den FM-Wellen um unsere Ohren surfen und versuchen, sich dort festzubeißen. Nur die Zähne fehlen ihnen diesmal.

Auch ein alter Freund läßt einen eben manchmal lange warten: „Hier kommen die Jungs mit den Ego-Problemen und ihrem Hang zu arroganten Frauen“ – kann man einer Band, die ihren ersten Song auf dem ersten Album seit elf Jahren so beginnt, böse sein? Nein, denn die Flowerpornoes rund um den Duisburger Tom Liwa machen auf ihrem neuen Album fast alles richtig.
Liwa sang auf Deutsch als das alles andere als angesagt war und schien schon 1993 zu ahnen, was da an Silbermonden und Tokyo Hotels noch so kommen würde: „Fünf Jahre nach mir und drei Jahre nach Blumfeld kaufen sie alles ein, was deutsch singt – und laut genug lügen kann“. Und scherte sich über all die Jahre einen Dreck um Modeströmungen, setzte viel lieber all das Verlebte, Vergeudete, Verwaschene und Geträumte, das ihm aus seiner Seele tropfte, in zu einem beträchtlichen Teil wunderbare Musik um. Man bekommt hier den Apfel mitsamt dem Kern, kein Zweifel.
1996 zog Liwa der Band nach einer Handvoll Alben den Stecker raus, um seinen Weg alleine weiter zu gehen. Gerieten seine Solo-Alben unter dem offenkundigen Einfluß von esoterischer Literatur und zu vielen Räucherstäbchen mitunter doch ein wenig zu verschwurbelt (brillant jedenfalls: „St. Amour“ von 2000), präsentieren sich die in etwas anderer Besetzung reformierten Flowerpornoes nun wieder so, wie man sie immer liebte.
Liwa, bekennender Fan von Neil Young, Bob Dylan, Van Morrison und Joni Mitchell, setzt weiter auf jene hochpoetischen Texte, die wahrscheinlich nur er selbst immer versteht, die Musik ist wieder jene sympathische Schnittstelle aus Folk und Rock, knackig auf den Punkt gespielt und produziert. Hier ist viel Gefühl - doch kein Pathos, hier sind Lieder - und keine peinlichen Posen. Wer sich Zeit nimmt, diese herrlich borstige Platte wirklich zu hören, dem werden zudem auch jene kleinen Farbtupfer auffallen, die einen wieder an die letztlich stets altbekannten Akkorde von Rock 'n’ Roll glauben lassen…
„Die Flowerpornoes sind zurück. Das ist wie Sex mit der Ex. Nach all den Jahren“, sagte jemand zur neuen Platte von Liwas Gefühls-Kollektiv. Jene Ex, über die man offenbar zu Recht nie wirklich hinweggekommen ist, bleibt hinzuzufügen…
Thomas Golser
Was wurde über diese Platte, diese Frau während der letzten Monate nicht schon alles geschrieben: „Die derzeit tollste Soulsängerin Englands“? Vielleicht. Schamlose Retro-Blaupause? Wahrscheinlich. Eine Scheibe, die Spaß macht? Das ganz bestimmt!
Das Zweitlingswerk von Amy Winehouse („Frank“ erschien 2004) ist äußerst kurzweilig und gekonnt produziert – auch retro will gelernt sein, und hier hat jemand (genauer: Produzent Mark Ronson, verantwortlich für Robbie Williams, Lily Allen und nun ja, Christina Aguilera in Kooperation mit Salaam Remi) seine Hausaufgaben gemacht: Immerhin kein allzu leichtes Unterfangen, den klassischen Soul-Sound der 60er-Jahre wieder aufleben und 2007 frisch klingen zu lassen.
Zur knurrenden, kratzenden und (zumindest auf Klangkonserve) in jeder Hinsicht überzeugenden Stimme gibt es pochende Rhythmen, knackige 60-Jahre-Bläsersätze, schöne Chöre, traurige Streicher und sogar eine Querflöte – auf gerade einmal 32 Minuten wird einiges von dem geboten, was man schon lange nicht mehr so gut gehört hat. Wenn schon „Girlie-Sound“, dann so! Wenn man möchte, hört man auf „Back to Black“ auch die Shangri-Las, die Supremes, Aretha Franklin, Nina Simone oder auch Macy Gray heraus. Es gibt wahrlich schlechtere Vorbilder! Wer Angst vor zuviel Zuckerguss hat, kann ebenfalls beruhigt sein, denn eine heile Welt wird hier jedenfalls nicht besungen: Winehouses Songs heißen schon einmal „Rehab“, „Wake up alone“, „Love is a losing Game“, „Tears dry on their own“ oder „Some unholy War“.
Auf der Insel füllt das böse Mädchen die Klatsch-Gazetten, von Sauf- und Rauflust, Essstörungen und unmöglichem Betragen wird berichtet: Auch wenn einiges davon vielleicht nur Pose sein mag, so nimmt man Winehouse das Verruchte doch ab, auch wenn „Back to Black“ letztlich klar auf Radiotauglichkeit getrimmt ist, so macht diese Platte doch Lust auf mehr. Der Vergleich mit dem bösen Babyshambles-Buben Pete Doherty hinkt allerdings schon deshalb, weil Winehouse ein völlig anderes musikalisches Feld beackert. Zudem ist die 23-Jährige aus Southgate im Norden von London deutlich hübscher anzusehen als der schmuddelige Gerichtssaal-Dauergast. Ein Duett ist dem Vernehmen nach trotzdem geplant.
Thomas Golser