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26. Mai 2012 10:31
Das Kultur-Weblog der Kleinen Zeitung
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Das Team von Kleine Zeitung Digital

Album "Klassik"
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von naredirainer am: 11.02.2008, 15:04 Uhr

 

 

Mit einer grandiosen Aufnahme der 8. Symphonie hat Altmeister Pierre Boulez seine Einspielung aller Symphonien von Gustav Mahler für die Deutsche Grammophon, an der er mit drei Orchestern 13 Jahre lang gearbeitet hat, abgeschlossen. Im Anschluss an ein Konzert in der Berliner Philharmonie entstand sie unter optimalen Voraussetzungen im April 2007 in der Jesus-Christus-Kirche in Berlin Dahlem. "Ich hatte das Glück, über die besten Bedingungen für Studioaufnahmen zu verfügen, die ich tatsächlich bevorzuge", erzählt der 82-jährige Dirigent.

Der seiner Meinung nach kontrastreichsten Symphonie Mahlers, die er nie zuvor aufgenommen hat, begegnet Boulez mit dem für ihn typischen analytischen Ansatz in Verbindung mit temperamentvoller Theatralik. Am Pult der ebenso detailgenau wie klangschön und engagiert musizierenden Staatskapelle Berlin lässt er sich Zeit, um Licht und Transparenz in die aufwändige Partitur und deren dichte Polyphonie zu bringen. Souverän hält er die Zügel in der Hand und sorgt mit kühlem Kopf dafür, dass die Musiker bei dieser Vereinigung des Pfingsthymnus mit Goethes "Faust" weder in die Kitsch-, noch in die Pathos-Falle tappen.

Seinem Ideal einer kontrollierten Leidenschaft folgen auch die beiden klar artikulierenden Vokalvereinigungen, der Chor der Deutschen Staatsoper Berlin und der Rundfunkchor Berlin. Nicht ganz homogen agiert das Solistenoktett, das sich mit großer Emphase in das Erlösungsmysterium einbringt: Johan Botha als Doctor Marianus mit mildem Tenorglanz, Hanno Müller-Brachmanns wirklich "schäumende Gotteslust" als Pater ecstaticus und Robert Holl als Pater profundus mit weichem Bass ragen hervor.

Gustav Mahler: 8. Symphonie.
Staatskapelle Berlin, Dirigent: Pierre Boulez.
Deutsche Grammophon, 2 CDs.

 

 

 

 

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 10.02.2008, 20:24 Uhr

Doppelt hält besser: Auf der jüngsten Folge seiner Emil Nikolaus von Reznicek (1860 bis 1945) gewidmeten CD-Serie setzt sich der Dirigent Michail Jurowski starker Konkurrenz aus: Die "Lustspiel-Ouvertüre" des heute fast nur noch durch seine brillante "Donna Diana"-Ouvertüre bekannten Komponisten erklingt nämlich gleich zwei Mal. Zunächst in Jurowskis sorgfältiger Einstudierung mit dem WDR Sinfonieorchester Köln und dann im Bonus-Teil in einer Aufnahme aus dem Jahr 1922, deren Klangtechnik natürlich zu wünschen übrig lässt, bei der aber der Komponist selbst am Pult stand. In seiner authentischen Version folgt dann noch sein Evergreen.

Die Hauptwerke dieser verdienstvollen CD sind indes "Thema und Variationen nach dem Gedicht 'Tragische Geschichte" von Adalbert von Chamisso", 1921 von Wilhelm Furtwängler uraufgeführt,  und die "Symphonischen Variationen über Kol Nidrey", vermutlich dem ursprünglichen Prolog der 1923 in Berlin aus der Taufe gehobenen Oper "Holofernes".

In den Chamisso-Variationen, deren Bass-Solo Alexander Vassiliev singt, zeigt sich Reznicek von seiner ironischen Seite, die Jurowski nicht ganz so prägnant zur Geltung bringt, wie dies Carl Schuricht 1960 gelungen war. Bei der "Lustspiel-Ouvertüre" und den "Kol Nidrey-Variationen" muss er aber keine Konkurrenz fürchten. Daher trägt er auch mit seiner mittlerweile 10. Reznicek-Platte entscheidend zur Wiederentdeckung und Neubewertung des österreichischen Komponisten bei, dessen Witz, Originalität und Instrumentationskunst den Freund Gustav Mahlers als souveränen Meister ausweisen.

Emil Nikolaus von Reznicek: Eine Lustspiel-Ouvertüre, Thema und Variationen nach dem Gedicht "Tragische Geschichte" von Adalbert von Chamisso, Symphonische Variationen über Kol Nidrey.
WDR Sinfonieorchester Köln, Dirigent: Michail Jurowski.
cpo, 1 CD.

 

 

 

 

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 13.06.2007, 15:09 Uhr

 

In der Debatte, wer denn heute zu den führenden Mezzosopranistinnen der Welt gehöre, darf man auf Joyce DiDonato nicht vergessen. Die in den USA schon längst gefeierte, in Mitteleuropa aber noch kaum bekannte Amerikanerin besitzt nämlich eine ausgesprochen attraktiv timbrierte Stimme, die sie mit makelloser technischer Meisterschaft völlig bruchlos durch alle Register führt. Dazu gesellen sich eine ausgefeilte Vortragskunst, lupenrein und leicht perlende Koloraturen, ein weit gespanntes dynamisches Spektrum und nicht zuletzt ein ausgeprägtes Temperament.

All das stellt sie eindrucksvoll auf einem Recital unter Beweis, das nicht zufällig "Pasión!" heißt. Souverän geleitet vom farbenprächtigen Klavierspiel von Julius Drake singt Joyce DiDonato spanische Klavierlieder von Fernando J. Obradors, Enrique Granados, Joaquin Turina, Manuel de Falla und Xavier Montsalvatge: Nuancenreich, leidenschaftlich, sinnlich.

"Pasión!".
Lieder von Fernando J. Obradors, Enrique Granados, Joaquin Turina, Manuel de Falla und Xavier Montsalvatge.
Joyce DiDonato (Mezzosopran), Julius Drake (Klavier).
Eloquentia/harmonia mundi, 1 CD.

 

 




Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 12.06.2007, 19:52 Uhr

 

Zu allen Zeiten haben die Nacht und das Nächtliche Künstler aller Sparten fasziniert. Nicht zuletzt im Barock, wie eine interessante Zusammenstellung der "capella incognita" beweist.

Niederösterreichs einziges Originalklangensemble, vor zehn Jahren von Marcus Hufnagl gegründet, erarbeitet seine Interpretationen stets im Kollektiv. Das führt bisweilen zu Resultaten, denen man den Kompromiss anhört, meist aber zu Ergebnissen, die durch zupackende Frische, Sorgfalt im Detail und das Bemühen beeindruckt, nicht alle Stücke über einen Kamm zu scheren.

Antonio Vivaldis Konzert "La Notte" fehlt es nicht an feurigem Temperament, die Traummusik aus Händels Oper "Alcina" führt in eine Zauberwelt, wie man ihr auch in Henry Purcells "Fairy Queen" begegnet. Derb und spaßhaft geht es in Heinrich Ignaz Franz Bibers "Nachtwächterserenade" zu, in der der Bariton Gebhard Heegmann nicht eben eine glanzvolle Figur macht. Dominiert in Georg Philipp Telemanns Ouvertüre "Le Sommeil" das tänzerische Element, so erweist sich Georg Muffat auch in seinem Concerto grosso "Propitia Sydera" als einer der ersten Europäer: Ihm gelang es nämlich, die verschiedenen nationalen Schulen seiner Zeit zu einem sehr persönlichen Stil zu verschmelzen.

"die nacht".
capella incognita.
Extraplatte, 1 CD.

 

       Ernst Naredi-Rainer

 

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von naredirainer am: 31.05.2007, 18:18 Uhr

 

 

 

In seiner Heimat gilt er als Nationalkomponist, aber außerhalb Bulgariens ist Pancho Vladigerov (1899 bis 1978) eine nahezu unbekannte Größe. Das könnte sich mit dieser CD, auf der das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter der Stabführung des vorwiegend in Bulgarien tätigen rumänischen Dirigenten Horia Andreescu, mit Feuereifer und viel Temperament eine Lanze für ihn bricht, ändern.

Vladigerov hatte in den zwanziger Jahren als Komponist der Bühnenmusiken ganz wesentlich zu den Berliner Theatertriumphen von Max Reinhardt beigetragen. Die "Skandinavische Suite" basiert auf jener Musik, die er für Reinhardts Inszenierung von Ibsens "Traumspiel" komponiert hatte: Eine beeindruckende poetische Verdichtung, die mit Streichern in hoher Lage eine besondere, weltentrückte Sphäre schafft.

Vlaidigerov besaß offenbar eine große Begabung, vorhandenes Material in eine möglichst effektvolle Form zu gießen. Von dieser handwerklich meisterhaften Verarbeitung folkloristischer Quellen zeugen die "Bulgarischen Tänze" ebenso wie die Bulgarische Rhapsodie "Vardar", mit der Vladigerov so erfolgreich war, dass er sie in zahlreichen Arrangements vorlegte.

Pancho Vladigerov: "Vardar", Bulgarische Rhapsodie op.16; "Skandinavische Suite"; Bulgarische Tänze op.23.
Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin; Dirigent: Horia Andreescu.
cpo, 1 CD.

 

 

 

 

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 23.05.2007, 13:55 Uhr

 

Auf ihren Soloalben engagierten sich Baiba und Lauma Skride jeweils auch für interessante Raritäten. Auf ihrer ersten gemeinsamen CD widmen sich die lettischen Schwestern hingegen dem Standardrepertoire.

Baiba Skride, die 2001 durch ihren Sieg beim Königin-Elisabeth-Wettbewerb in den Geiger-Olymp katapultiert wurde, meistert die immensen technischen Schwierigkeiten von Maurice Ravels "Tzigane" und "Rhapsodie de concert" mit schier müheloser Leichtigkeit, lässt aber auch ihrer Schwester genügend Raum, ihr Temperament unter Beweis zu stellen.

Die schwesterliche Harmonie, die zu einer stets ausgewogenen Balance zwischen Violine und Klavier führt, prägt auch die Einspielungen von Ludwig van Beethovens 3.Violinsonate, op.12, und der 1.Sonate, D 384, von Franz Schubert. Baiba und Lauma Skride suchen hier nicht krampfhaft einen originellen Zugang, sondern musizieren höchst gediegen auf hohem Niveau, mit großer Reife und bemerkenswerter Klangschönheit beider Instrumente.

"The Duo Sessions". Violinsonaten von Ludwig van Beethoven, Franz Schubert und Maurice Ravel.
Baiba Skride (Violine), Lauma Skride (Klavier)
Sony, 1 CD.

 

 

 

 

 

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 21.05.2007, 17:37 Uhr

 

 

 Italiens größte Dirigenten, Arturo Toscanini und Riccardo Muti, haben sich auch im Schallplattenstudio für ein Meisterwerk der Sakralliteratur eingesetzt, das dennoch ein Mauerblümchendasein führt: Das 1816 komponierte Requiem in c-moll von Luigi Cherubini, dessen Verzicht auf Solostimmen wohl die mangelnde Popularität seines Ernst, Tragik, Würde und Größe vermittelnden bedingt.

Die erste Einspielung auf historischen Instrumenten durch das Originalklang-Ensemble "Boston Baroque" unter dem stilistisch versierten Dirigenten Martin Pearlman unterstreicht die Kunstfertigkeit Cherubinis, der sich mit hoher Meisterschaft um eindringliche Schlichtheit und den Verzicht auf theatralische Effekte bemüht hat. Die kleine Besetzung des Orchesters und des Chores sichert der Aufnahme ein hohes Maß an Intimität.

Ergänzt wird die Einspielung des am Jahrestag der Hinrichtung von Frankreichs König Ludwig XVI. uraufgeführten Requiems durch zwei interessante Raritäten: Einen 1820 komponierten, mit vielen Tam-Tam-Schlägen aufwartenden Trauermarsch von Cherubini und den "Elegischen Gesang" von Ludwig van Beethoven, der Cherubinis Totenmesse sehr geschätzt hat.

Luigi Cherubini: Requiem c-moll und Marche funèbre; Ludwig van Beethoven: Elegischer Gesang, op.118.
Boston Baroque; Dirigent: Martin Pearlman.
Telarc, 1 CD.

 

 

 

 

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 20.05.2007, 11:30 Uhr

 

 Todessehnsucht und existenzielle Nöte prägen den vierten und letzten Teil der gemeinsamen Schubert-Erkundungen von Leif Ove Andsnes und Ian Bostridge.

Der norwegische Pianist interpretiert die zwei Monate vor dem Tod des Komponisten entstandene Klaviersonate in c-moll, D 958, als Tragödie, der er weder Dramatik noch Eleganz schuldig bleibt. Technisch brillant wirft er Blicke in Abgründe, zeigt er Brüche auf und fasziniert er in den lyrischen Passagen mit feiner Sensibilität.

Nicht minder farbig im Spiel steht er dem britischen Tenor Ian Bostridge zur Seite, der in den "Gesängen des Harfners" und "Totengräbers Heimweh" mit perfekter Diktion und intensivstem Ausdruck aufwartet.

Abgesehen von der hochklassigen Interpretation verdient diese CD auch wegen ihres Repertroires Interesse, enthält sie doch auch sechs selten zu hörende Fragmente, drei unvollendete Lieder und drei nicht fertig gestellte Klavierstücke.

Franz Schubert: Klaviersonate c-moll, D 958; Lieder und Fragmente.
Ian Bostridge (Tenor), Leif Ove Andsnes (Klavier).
EMI, 1 CD.

Ernst Naredi-Rainer

 

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von naredirainer am: 17.05.2007, 21:43 Uhr

 

 

Zu seinem 20. Geburtstag leistete sich das Freiburger Barockorchester einen Seitensprung. Ungeachtet seines Namens gab es bei fünf jungen Komponisten neue Werke in Auftrag. Benjamin Schweitzer, Nadir Vassena, Michel van der Aa, Juliane und Rebecca Saunders mussten natürlich die spezifischen Gegebenheiten des historischen Instrumentariums und seiner tieferen Stimmung von 415 Hertz ebenso berücksichtigen wie die Praxis des Ensembles, ohne Dirigenten zu musizieren, bekamen aber viel Zeit, um mit dem Orchester zu arbeiten.

Die klingenden Endresultate stellen den Komponisten und den Interpreten ein glänzendes Zeugnis aus. Benjamin Schweitzer gab den Instrumentalisten in "flekkicht" Gelegenheit, ihre Improvisationskünste einzubringen. Nadir Vassena setzt sich in "Bagatelle trascendentali" mit der barocken Phrasierung auseinander und Laute und Gambe als Soloinstrumente ein. Michel van der Aa benützt nur ein einziges Thema, um der barocken Form des Concerto grosso ein modernes Pendant gegenüberzustellen. Rebecca Saunders hat in "rubricare" offenbar besonderen Gefallen am Obertonreichtum der historischen Instrumente gefunden und Juliane Klein schrieb mit "und folge mir nach" ein Stück, das die Kommunikationsfähigkeit der Musiker untereinander herausfordert.

"About Baroque. Neue Kompositionen für das Freiburger Barockorchester".
harmonia mundi, 2 CDs.

 

 

 

 

Ernst Naredi-Rainer

 

 

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Mit den Instrumentationskünsten Robert Schumanns war nicht nur der Komponist selbst unzufrieden, der seine Symphonien vor allem aus diesem Grunnd mehrfach revidiert haben. Auch viele Dirigenten zweifelten an der Orchestrierung Schumanns. Einige von ihnen griffen daher in den Notentext ein, um die Partitur in ihrem Sinne zu verbessern: Die namhaftesten waren Felix von Weingartner und Gustav Mahler.

In Schumanns 2. Symphonie hat Mahler 355 Retuschen angebracht, in der 4. Symphonie 466 Stellen revidiert. Das Ergebnis bringt, und das spricht für den großen Dirigenten und Komponisten, keine Annäherung an Mahlers eigenen Instrumentationsstil, sondern verdeutlicht in der Regel die Intentionen Schumanns. Da es sich meist nur um kleine Eingriffe handelt, um das Eliminieren verdoppelter Stimmen, Korrekturen in der Dynamik oder  zusätzliche Akzente, wirkt das Endresultat kaum je befremdlich.

Vor allem deshalb nicht, weil sich das traditionsreiche Gewandhausorchester Leipzig unter seinem neuen Chef Riccardo Chailly anschickt, in die erste Liga zurückzukehren. Es musiziert höchst differenziert und kultiviert sein dunkel tönendes Klangbild. Der Mahler-Experte Chailly unterstreicht mit Nachdruck jene Passagen, die dank der Retuschen nun prägnanter und kantiger erscheinen und fasziniert in diesen Livemitschnitten mit Elan und Frische.

 

Robert Schumann: 2. und 4. Symphonie mit den Retuschen Gustav Mahlers.
Gewandhausorchester Leipzig; Dirigent: Riccardo Chailly.
Decca, 1 CD.

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Eine Aufführung seiner 1922 vollendeten Oper "Rainulf und Adelasia" hat Siegfried Wagner (1869 bis 1930) nicht erlebt. Das Opus 14 des Sohnes von Richard Wagner erklang erst 2003  bei den Musiktagen Bad Urach. Mit dem Mitschnitt dieser Uraufführung ergänzt das Raritätenlabel cpo seine bereits stattliche Siegfried-Wagner-Diskographie, in deren Mittelpunkt der auch hier die Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz motivierende Dirigent Werner Andreas Albert steht.

Die 3 CDs geben rasch Aufschluss darüber, warum die in dieser Aufführung 204 Minuten in Anspruch nehmende Oper niemals das Licht der Bühne erblickt hat: Das von Siegfried Wagner selbst geschriebene Libretto widerspricht mit seinen Überraschungen und Verwicklungen alle dramaturgischen Regeln und stürzt den Hörer in heillose Verwirrung. Die im Jahr 1194 in Reggio Calabria angesiedelte Handlung um den Machtkampf zweier Brüder basiert auf Adolf Schacks Buch "Die Geschichte der Normannen in Siziilien" und verknüpft historisches Geschehen mit autobiographischen Momenten.

Ungleich höhere Qualitäten als sein Libretto weist Siegfried Wagners Partitur auf, obwohl sie aus dem Schatten des übergroßen Vaters nicht hervortreten und auch die Spannung nicht lückenlos über dreieinhalb Stunden halten kann. Der Komponist beherrscht aber sein Handwerk, schreibt sangliche Solopartien und instrumentiert geschickt.

Ein erfreulich wortdeutlich singendes Ensemble erleichtert die erste Begegnung. Während sich Frank van Aken mit ziemlich sprödem Tenor durch die schier endlose Partie des Schurken Rainulf müht, gewinnt Adelesia nicht nur als Vertreterin des Guten, sondern auch durch den blühenden Sopran von Elisabeth-Maria Wachutka alle Sympathien. Die überragendste vokale Leistung bietet der Bariton Roman Trekel in der Rolle des Osmund, einen glänzenden Eindruck hinterlässt auch Thomas W. Kuckler mit seinem herrischen Tenor als Gilbert.

Siegfried Wagner: "Rainulf und Adelasia". cpo, 3 CDs.

Ernst Naredi-Rainer

CD

Klassik

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Endlich liegt eine der besten Barockopern-Inszenierungen Herbert Wernickes auf DVDs vor, seine hinreißende Produktion von Francesco Cavallis 1651 in Venedig uraufgeführter "Calisto", in der freizügig die Sexualität in allen Varianten besungen wird.

Wernickes Inszenierung, die in Österreich 1998 bei den ersten Salzburger Pfingstfestspielen und 2003 bei den Wiener Festwochen zu sehen war, hatte 1993 in Brüssel Premiere. Dort wurde sie 1996, als sie auch in Berlin Triumphe feierte, aufgezeichnet. In seinem Einheitsbühnenbild, das das Sternen-Fresko der Sala dal Mappomondo im Palazzo Farnese des italienischen Städtchens Caprarola auf die Bühne übertrug, hatte der Ausstatterregisseur das frivole Treiben rund um den liebeslüsternen Göttervater Jupiter mit einer saftigen Travestieshow als mit Ironie nicht sparenden brillanten Spaß in Szene gesetzt.

Pures, sinnliches Vergnügen bereitet freilich auch die musikalische Realisierung. Dirigent René Jacobs nahm in seiner musikalischen Einrichtung nicht an den ziemlich bescheidenen Möglichkeiten eines venezianischen Privattheaters Maß, sondern an den üppigen Gegebenheiten des Wiener Hofs. Über seine Erweiterung des dreistimmigen Satzes zur Fünfstimmigkeit kann man ebenso debattieren wie über seine Einfügung von Sätzen anderer Meister - den Schluss bildet eine Chaconne des Wiener Hofkapellmeisters Johann Heinrich Schmelzer -, aber das lockere, lebendige und farbenfrohe Spiel des "Concerto Vocale" fasziniert in jedem Fall.

Aus dem hochkarätigen Ensemble ragen Maria Bayo als Titelheldin, Marcello Lippi als Jupiter und Dominique Visse als Satyr heraus.

Ergänzt wird die drei Stunden dauernde Aufführung durch eine spannende, 54 Minuten dauernde "Making Of"-Dokumentation, die als facettenreiche Einführung genützt werden kann.

Francesco Cavalli: "La Calisto". Harmonia mundi, 2 DVDs.

Ernst Naredi-Rainer

DVD

Klassik

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Sie war kaum minder begabt als ihr Bruder Felix Mendelssohn Bartholdy, aber als Frau durfte Fanny Mendelssohn (1805 bis 1847) auf Wunsch ihres Vaters ihre Kreativität nur im häuslichen Bereich pflegen, nicht aber in der Öffentlichkeit als Komponistin in Erscheinung treten. Dennoch wurden einige ihrer rund 400 Stücke gedruckt: Felix ließ sie unter seinem eigenen Namen in seinen "Liedern ohne Worte" erscheinen.

Als Frucht einer ein ganzes Jahr währenden Italienreise schrieb sie 1841 den großen, fünfzig Minuten dauernden Klavierzyklus "Das Jahr", eine Sammlung von zwölf Charakterstücken, denen sie einen Epilog folgen ließ. Hier zeigt sich Fanny Mendelssohn-Hensel, deren Ehemann Wilhelm die Reinschrift mit Vignetten verzierte, von ihrer besten Seite. Sie komponierte keine Programmmusik, sondern schuf sehr abwechslungsreiche Stimmungsbilder, die zwar bisweilen an den Bruder erinnern oder Johann Sebastian Bach ihre Reverenz erweisen, aber letztlich sehr eigenständig wirken.

Die bislang vor allem als Begleiterin ihrer berühmten Schwester, der Geigerin Baiba Skride, bekannte lettische Pianistin Lauma Skride (25) tritt mit dieser ersten Solo-CD ebenfalls aus dem Schatten. Sie musiziert souverän und selbstbewusst, agiert sensibel und poetisch und achtet doch stets mit Erfolg darauf, nicht in schwärmerische Träumerei zu verfallen.

 

Fanny Mendelssohn-Hensel: "Das Jahr". Lauma Skride (Klavier).
Sony Classical, 1 CD.

Ernst Naredi-Rainer

 

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Das Auslaufen ihres Exklusivvertrags mit EMI nach fast fünfzig Einspielungen kann Barbara Hendricks nicht entmutigen. Die amerikanische Sopranistin will weiterhin aufnehmen - und tut dies nun für ihr eigenes Label. Sie hat es "Arte verum" getauft und huldigt auf der ersten CD dem spanischen Liedgut des 20. Jahrhunderts.

Von Love Derwinger am Flügel behutsam unterstützt, singt sie Vokalwerke von Enrique Granados, Fernando J. Obradors, Xavier Montsalvatge und Manuel de Falla. Auch nach über dreißigjähriger Karriere klingt der Sopran der 1948 in Arkansas geborenen Künstlerin weitgehend intakt. Klingen ihre Aufnahmen auch nicht ganz so idiomatisch wie jene ihrer großen spanischen Kolleginnen Victoria de los Angeles und Teresa Berganza, so hört man doch, wie vertraut Hendricks mit den iberischen Gesängen ist, denen sie weder Leichtigkeit und Temperament noch Feuer und Leidenschaft schuldig bleibt.

 

Canciones espanolas. Barbara Hendricks (Sopran), Love Derwinger (Klavier). Arte verum.

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Schon lange vor der WM-Kreation "Maracana" hatte das Thema Fußball die Ballettbühne erobert. Nach einem Szenarium des Filmemachers Alexander Ivanovsky hatte ihm Dmitri Schostakowitsch das erste seiner drei abendfüllenden Ballette gewidmet. "Das goldene Zeitalter", 1930 in Leningrad uraufgeführt, erwies sich allerdings als Flop.

Erst 1986 kam es beim Wiener "Tanz"-Festivals durch ein Gastspiel des Moskauer Bolschoi-Balletts mit dem überragenden Irek Mukhmadeov als Protagonisten erstmals nach Österreich. Choreograph Juri Grigorowitsch hatte allerdings die für den Flop verantwortliche simple Agitprop-Story vom Zusammenstoß einer sowjetischen Fußballmannschaft mit der dekadenten Jugend einer westlichen Hauptstadt völlig umgeschrieben. In seiner Version prallen Fischer und eine Banditenbande aufeinander.

Unabhängig von der Story lohnt aber Schostakowitschs Partitur, zu deren Höhepunkten eine hinreißend ironische "Tea for Two"-Variation gehört, allemal das Kennenlernen. Dazu bietet diese Neueinspielung eine willkommene Gelegenheit. Als erste Aufnahme bringt sie nämlich das ungekürzte Original zu Gehör.

José Serebrier musiziert mit dem Royal Scottish National Orchestra sehr gepflegt, ja, letztlich sogar ein wenig zu kultiviert: Die satirische Schärfe Schostakowitschs, die Gennadi Roshdestwenskij in seiner Chandos-Einspielung mit dem Philharmonischen Orchester Stockholm in ätzende Säure getaucht hatte, wird hier zu sehr geglättet und behübscht.

Dmitri Schostakowitsch: "Das goldene Zeitalter", op. 22. Royal Scottish National Orchestra unter José Serebrier.
Naxos, 2 CDs.

Ernst Naredi-Rainer

 

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Spät, aber doch, setzt sich Daniel Barenboim auch mit Gustav Mahler auseinander. Seine Einspielung der 7. Symphonie ergänzt er durch den am 15. November 2006 in der Berliner Philharmonie entstandenen Livemitschnitt der 9. Symphonie, dem man die im Konzert gespannten großen Bögen deutlich anmerkt.

Mit seiner Staatskapelle Berlin bietet Barenboim eine Lesart, die allen ideologischen Ballast abschüttelt. Er beschwört nicht Abschied und Tragik, sondern realisiert mit jegliche Sentimentalität ausschließenden, ziemlich flotten Tempi relativ nüchtern, aber sehr detailgenau und klangschön, die Partitur, deren Lyrismen bei ihm im Vordergrund stehen. Kitsch ebenso meidend wie die Redukltion auf ein Röntgenbild der Partitur, legt er größten Wert darauf, ein Maximum von Mahlers Vielstimmigkeit  wirklich hörbar zu machen.

 

Gustav Mahler: 9. Symphonie. Staatskapelle Berlin unter Daniel Barenboim.
Warner Classics, 1 CD.

Ernst Naredi-Rainer

 

 

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Wenn Anna Netrebko ab 3. März an der Wiener Staatsoper als Titelheldin von Jules Massenets "Manon" nicht nur ihre Liebhaber auf der Bühne, sondern auch das Publikum zu betören versucht, liegt für sie die Latte hoch.

Die Deutsche Grammophon hat nämlich auf DVD erstmals einen von Bildregisseur Brian Large souverän gestalteten ORF-Mitschnitt der Vorgängerproduktion veröffentlicht, nicht von der Premiere im Jahr 1971, sondern von der Wiederaufnahmé im Jahr 1983, bei der Edita Gruberova alle Register ihres Könnens zog. Damals war Francisco Araiza eine Idealbesetzung für den Chevalier des Grieux und lotete Adam Fischer mit dem Staatsopernorchestzer die Raffinessen der - gekürzten - Partitur aus.

Jean-Pierre Ponnelles Inszenierung in eigener Ausstattung mag heute museal anmuten. Aber sie vermittelt ohne Verfremdungseffekte die in der literarischen Vorlage des Abbé Prevost anklingende Atmosphäre von Puder und Menuetten, ohne aber mit ihrer Überfülle an prägnanten Details im bloß Dekorativen stecken zu bleiben. Mit seiner schlüssigen Personenführung erzählt Ponnelle nicht nur die tragische Liebesgeschichte zwischen Manon Lescaut und dem Chevalier des Grieux, sondern nimmt auch die Gesellschaft des frühen 18. Jahrhunderts kritisch unter die Lupe.

Jules Massenet: "Manon".
Deutsche Grammophon, 1 DVD.

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Mit der Premiere von Jules Massenets "Manon" am 3. März kehrt Startenor Roberto Alagna nach zehnjähriger Abwesenheit an die Wiener Staatsoper zurück, an der er zwischen 1992 und 1997 nur 15 Auftritte in vier verschiedenen Rollen (Rodolfo, Nemorino, Herzog und Alfredo Germont) absolviert hat.

Seit der Affäre im Dezember an der Mailänder Scala, an der er als Radames in Verdis "Aida" nach seiner Auftrittsarie wegen eines Buh-Konzerts vorzeitig die Bühne verließ, als "Skandaltenor" verschrieen, verfügt Alagna über ein weites Rollenspektrum, das vom Doppelalbum "Viva l'Opera!" eindrucksvoll dokumentiert wird.

Obwohl von der Deutschen Grammophon veröffentlicht, enthält es doch nur jeweils eine Aufnahme des Gelbetiketts und der Decca. Alle anderen Einspielungen sind zwischen Jänner 1995 und Mai 2003 für den EMI-Konzern entstanden, bei dem der 1963 bei Paris geborene Sohn sizilianischer Eltern in dieser Zeit exklusiv unter Vertrag stand.

Diese Arien zeigen einerseits, dass Alagna zumindest 1999 über die Höhensicherheit verfügt hat, um 9 strahlnde hohe C's in der Arie des Tonio aus Donizettis "Regimentstochter" zu schmettern, dass er mit leichter Stimmgebung als Nemorino im "Liebestrank" zu beeindrucken wusste, mit dem Manrico ("Troubadour") und dem Radames ("Aida") aber auch schon die heldischen Vorstufen zum "Otello" bewältigte, den er im Studio schon in Ausschnitten gemeistert hat.

Auf der zweiten CD präsentiert sich Alagna bei Arien aus französischen Opern als versierter Stilist. Diese Aufnahmen entstanden zum Großteil unter der Stabführung von Bertrand de Billy, der auch bei der "Manon"-Premiere am 3. März in der Wiener Staatsoper am Pult stehen wird.

Roberto Alagna. "Viva l'Opera".
Deutsche Grammophon, 2 CDs.

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Schon aus Repertoiregründen verdient die Absicht des Raritätenlabels cpo, alle 25 Violinkonzerte des deutschen Barockmeisters Georg Philipp Telemann einzuspielen, Beachtung. Die zweite Veröffentlichung, die sieben Konzerte enthält, die zwischen 1713 und 1728 entstanden sind, rechtfertigt das Unternehmen erneut, zeugt es doch von der unerschöpflichen Kreativität des zu Unrecht als Vielschreiber abgewerteten Komponisten.

Elizabeth Wallfisch und das L'Orfeo Barockorchester kommen jedoch über ein gediegenes Plädoyer nicht hinaus. Die technisch unanfechtbare Solistin meistert makellos die nicht unbeträchtlichen technischen Hürden, zündet aber kein brillantes Feuerwerk. Und das von ihr geleitete L'Orfeo Barockorchester, in dem das Cembalo zu deutlich dominiert, musiziert sauber und solide, lässt aber klangliche Raffinessen und zupackendes Engagement ein wenig vermissen.

 

Georg Philipp Telemann: Sämtliche Violinkonzerte, Vol.2.
Elizabeth Wallfisch (Violine und Leitung), L'Orfeo Barockorchester.
cpo, 1 CD.

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Für seine letzte, 1791 in Prag uraufgeführte Oper "La Clemenza di Tito" hat Wolfgang Amadeus Mozart - höchstwahrscheinlich aus Zeitgründen - die Rezitative nicht selbst komponiert, sondern sie seinem Schüler Franz Xaver Süßmayr überlassen. Deshalb verzichtete Franz Welser-Möst bei der von ihm im April 2005 herausgebrachten "Titus"-Produktion an der Zürcher Oper gänzlich auf sie und lässt die Sänger die radikal gekürzten Texte als Dialoge sprechen. Eine Lösung, die nicht ganz zu überzeugen vermag.

Das gilt auch für die reichlich statische Inszenierung von Jonathan Miller im Einheitsbühnenbild von Isabella Bywater mit Kostümen aus dem Italien der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, die sich nur zur These aufschwingt, den Kaiser könnte eine homoerotische Beziehung mit seinem Freund Sextus verbinden. Bildregisseur Felix Breisach kann der sich mit Andeutungen begnügenden Inszenierung auch nicht auf die Sprünge helfen.

Unter Franz Welser-Mösts trotz des Hangs zu Tempoextremen auf Natürlichkeit zielender Stabführung bewährt sich ein hochrangiges Ensemble. Vesselina Kasarova erreicht zwar nicht ganz ihr Niveau der 2003 aufgezeichneten Salzburger "Titus"-Produktion, besticht aber dennoch als Sextus mit feinen Schattierungen. Eva Mei meistert mit ausdrucksstarker, aber nicht immer ganz intonationssicherer Bravour die Koloraturen der Vitellia. Jonas Kaufmann verleiht dem Titelhelden mit metallisch gefärbtem Tenor Profil.

Wolfgang Amadeus Mozart: "La Clemenza di Tito".
EMI, 1 DVD.

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Beat Furrer, der aus der Schweiz stammende Gründer des Wiener Klangforums und Kompositionsprofessor der Grazer Kunstuniversität, zählt zu den wichtigsten Musikdramatikern unserer Zeit. Für die mittlerweile 400 Jahre alt gewordene Gattung Oper sucht er neue Wege, auch wenn er alte Themen aufgreift wie den Orpheus-Mythos.

In seinem "Begehren", das beim "steirischen herbst" 2001 konzertant aus der Taufe gehoben wurde und im Jänner 2003 in der Inszenierung von Reinhild Hoffmann zur Eröffnung der neuen Helmut-List-.Halle in Graz die szenische Premiere erlebte, erzählt er nicht die Sage vom antiken Sänger, sondern reflektiert den vielfach abgehandelten Stoff. Oft übereinander gelagerte Texte von Ovid, Vergil, Hermann Broch, Cesare Pavese und Günter Eich dienen ihm als Grundlage für zehn lose Szenen, die vor allem von der Beziehungslosigkeit und Einsamkeit der Protagonisten handeln, die bei ihm nur noch Sie und Er heißen.

Furrer schildert zunächst mit dichtem Instrumentalgewebe die Unterwelt, bis es Orpheus gelingt, deren Mechanismus zu stoppen. Dann trägt er gleichsam Schicht um Schicht ab, wird er in der orchestralen Ausgestaltung immer sparsamer, erhalten einige Klanggesten immer größere strukturelle Bedeutung. Begnügt sich Furrer beim dynamischen Kulminationspunkt in der ersten Szene mit einem dreifachen Forte, so verlangt er an dem von ihm über weite Strecken bevorzugten anderen Ende der Skala stärkere Extreme bis zum vierfachen Piano, um effektvoll die Dramatik des Leisen unter Beweis zu stellen.

Während der ersten szenischen Aufführungsserie entstand im Jänner 2003 in der Helmut-List-Halle die von Beat Furrer selbst dirigierte erste Aufnahme seines "Begehrens". Petra Hoffmann erklimmt sicher die Spitzentöne der Eurydike, der Bariton Johann Leutgeb meistert seine Sprechrolle mit enormer rhythmischer Präzision und hoher Textverständlichkeit. Die enormen Anforderungen des zwischen Gesang und gehauchten Vokalisen pendelnden Chores meistert Colin Masons zwölfköpfiges Vokalensemble Nova bravourös. Mit phänomenaler Durchsichtigkeit realisiert das ensemble recherche die fein verästelte Partitur.

 

Beat Furrer: "Begehren".
Petra Hoffmann (Sopran), Johann Leutgeb (Sprecher), Vokalensemble Nova (Leitung: Colin Mason), ensemble recherche, Dirigent: Beat Furrer.
Kairos, 2 CDs.

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Auf Anhieb in die dicht besetzte Spitze herausragender Beethoven-Interpretationen dringt Paavo Järvi mit seinen Einspielungen der dritten und achten Symphonie vor. Mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen, an deren Spitze der estnische Dirigent 2004 Daniel Harding abgelöst hat, gelingt ihm ein fulminanter Auftakt zur Aufnahme aller Symphonien.

Spätestens seit Nikolaus Harnoncourts mit unzähligen Plattenpreisen überschütteten Grazer Live-Einspielung des gesamten Zyklus mit dem Chamber Orchestra of Europe gehören Beethovens Symphonien auch zum Repertoire der Kammerorchester. Die kleine Besetzung, die den Gegebenheiten zu Beethovens Zeit entspricht, nützt Järvi für eine Darstellung, die sich durch ein betont schlankes Klangbild, maximale Transparenz und ein Höchstmaß an Detailgenauigkeit auszeichnet. Auch bei der "Eroica" überwältigt er den Hörer nicht durch Kraft und Wucht, sondern durch seine ungemein penible Umsetzung der Partitur - bis hin zur von Harnoncourt übernommenen Einhaltung der Wiederholungsvorschriften, selbst beim Da capo des Menuetts der achten Symphonie.

Die mit minimalem Vibrato betont trocken musizierende Deutsche Kammerphilharmonie bewältigt virtuos jene rasanten Tempi, die Beethovens Metronomangaben vorgeben und in ihrer Aussagekraft lange angezweifelt wurden. Das Ergebnis, das bei den beiden ersten Sätzen der "Eroica" und dem mit ungewohnter Aggressivität und Dramatik aufgeladenen Kopfsatz der 8. Symphonie rekordverdächtig ausfällt, beweist aber deren Richtigkeit und Ausführbarkeit. Järvis Musizieren prägt ein vor Energie strotzender, vorwärts drängender Duktus, dem aber nie die Sorgfalt der Artikulation oder die penible Abstufung der Dynamik geopfert wird.

Auf die Erkenntnisse der historisch informierten Aufführungspraxis zurückgreifend, vermittelt Paavo Järvi eindringlich, wie kühn und modern Beethovens Partituren sind, die er mit ebenso großer Akribie wie Leidenschaft realisiert.

Auf die Fortsetzung dieses Zyklus darf man gespannt sein!

Ludwig van Beethoven: 3. und 8. Symphonie.
Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Paavo Järvi.
RCA.

Ernst Naredi-Rainer

CD

Klassik

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Als Kaiserin Maria Theresia anno 1769 ihre Tochter Maria Amalia mit dem jungen Herzog Ferdinand von Vourbon-Parma vermählte, beauftragte sie ihren Wiener Hofopernkomponisten Christoph Willibald Gluck mit der musikalischen Ausgestaltung der Festlichkeiten in Parma. Gluck entschied sich für eine Kurzfassung seiner sieben Jahre zuvor uraufgeführten Reformoper "Orfeo ed Euridice" und schrieb zwei neue einaktige Pastorellen, die jetzt erstmals auf CD vorliegen.

Seine "Feste d'Apollo" eröffnete er mit "Bauci e Filomene", der antiken Geschichte von Philemon und Baukis, bei deren Vertonung er weitgehend seinen eigenen Reformideen folgt. Beim "Aristeo" jedoch, den er auf die Kurzfassung seines "Orpheus" folgen ließ, griff er auf die von ihm eigentlich schon überwundene Abfolge von mehr oder weniger virtuosen Arien zurück.

Beide Stücke nehmen innerhalb der 43 Opern Glucks keinen Spitzenplatz ein. Sie kennen zu lernen, lohnt dennoch, weil Christophe Roisset und sein Originalklangensemble "Les Talens Lyriques" nichts unversucht lassen, den Partituren pralles Leben einzuhauchen.

Die Aufnahmen entstanden als Livemitschnitt im Jänner 2006 im Brüsseler Palaisa des Beaux-Arts, in dem vor allem die Dänin Ditte Andersen mit ihrem höhensicheren Sopran als Baukis und Mutter des Aristeo beeindruckte.

 

Christoph Willibald Gluck: "Philémon et Baucis", "Aristeo".
Ambroisie, 2 CDs.

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 30.04.2007, 13:59 Uhr

Mit den Instrumentationskünsten Robert Schumanns war nicht nur der Komponist selbst unzufrieden, der seine Symphonien vor allem aus diesem Grunnd mehrfach revidiert haben. Auch viele Dirigenten zweifelten an der Orchestrierung Schumanns. Einige von ihnen griffen daher in den Notentext ein, um die Partitur in ihrem Sinne zu verbessern: Die namhaftesten waren Felix von Weingartner und Gustav Mahler.

In Schumanns 2. Symphonie hat Mahler 355 Retuschen angebracht, in der 4. Symphonie 466 Stellen revidiert. Das Ergebnis bringt, und das spricht für den großen Dirigenten und Komponisten, keine Annäherung an Mahlers eigenen Instrumentationsstil, sondern verdeutlicht in der Regel die Intentionen Schumanns. Da es sich meist nur um kleine Eingriffe handelt, um das Eliminieren verdoppelter Stimmen, Korrekturen in der Dynamik oder  zusätzliche Akzente, wirkt das Endresultat kaum je befremdlich.

Vor allem deshalb nicht, weil sich das traditionsreiche Gewandhausorchester Leipzig unter seinem neuen Chef Riccardo Chailly anschickt, in die erste Liga zurückzukehren. Es musiziert höchst differenziert und kultiviert sein dunkel tönendes Klangbild. Der Mahler-Experte Chailly unterstreicht mit Nachdruck jene Passagen, die dank der Retuschen nun prägnanter und kantiger erscheinen und fasziniert in diesen Livemitschnitten mit Elan und Frische.

 

Robert Schumann: 2. und 4. Symphonie mit den Retuschen Gustav Mahlers.
Gewandhausorchester Leipzig; Dirigent: Riccardo Chailly.
Decca, 1 CD.

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Als Opernchef hat Antonio Pappano in Oslo, Brüssel und nun in London Furore gemacht. Auf dem Konzertpodium trifft man ihn seltener an. Aber dieses Manko will er als Chefdirigent des Orchesters der Accademia Nazionale di Santa Cecilia in Rom beseitigen. Gleichzeitig geht es ihm darum, dieses führende italienische Sinfonieorchester, das seit seinen großen Operneinspielungen der fünfziger Jahre in den medialen Schatten geraten ist, wieder in das Rampenlicht zu holen.

Das erste gemeinsame Schallplatten-Projekt bringt beide Ambitionen unter einen Hut. Die im Juli 2006 als Livemitschnitte in Renzo Pianos architektonisch Aufsehen erregendem Auditorium Parco della Musica entstandenen Live-Mitschnitte der drei letzten Sinfonien von Peter Iljitsch Tschaikowsky zeigen das Orchester in guter Form und kommen dessen Neigung zum Sanglichen entgegen. Pappano verleugnet auch hier nicht, dass die Bühne sein wahres Metier ist: Er spürt die Theatralik in diesen Werken auf, zu deren Emotionalität er sich bekennt, ohne in Rührseligkeit zu verfallen.

 

Peter Iljitsch Tschaikowsky: Sinfonien Nr.4, 5 und 6.
Orchestra dell'Accademia Nazionale di Santa Cecilia, Rom. Dirigent: Antonio Pappano.
EMI Classics, 2 CDs.

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Wenn eine lyrische Sopranistin auf ihrer ersten Liedplatte Robert Schumann singt, dann darf dessen Zyklus "Frauenliebe und -leben" nicht fehlen. Michaela Kaune, in Hamburg geboren und seit zehn Jahren Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin, trägt sie erfreulich ungekünstelt vor. Ihre Stimme zeichnet sich durch ein klares Timbre und erfreuliche Modulationsfähigkeit aus, wird aber beim Aufstieg in die Höhe mit zu viel Vibrato eingesetzt.

Makellose Sprachbehandlung und eindringliche Unmittelbarkeit prägen auch ihre Gestaltung der Lieder der Mignon und der Gedichte der Königin Maria Stuart, wobei sie der Pianist Burkhard Kehring mit betont unromantischem Spiel unterstützt.

Im Mittelpunkt aber stehen die sieben Lieder von Elisabeth Kulmann, nicht zuletzt deswegen, weil deren Interpretation ergänzt wird durch die von Udo Samel gelesenen Kommentare Schumanns über die außerordentliche Qualität der Lyrik der mit nur 17 Jahren verstorbenen Dichterin.

 

Robert Schumann: Lieder.
Michaela Kaune (Sopran), Burkhard Kehring (Klavier).
Berlin Classics, 1 CD.

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

In kürzester Zeit hat sich Salvatore Licitra in die erste Reihe der Tenöre gesungen. 1968 in Bern als Sohn sizilianischer Eltern geboren und in Parma ausgebildet, gab er im Jänner 1998 sein Bühnendebüt in Parmo als Gustavo in Verdis "Maskenball". Schon im Sommer dieses Jahres sang er diese Partie auch in der Arena di Verona. 1999 debütierte er unter Riccardo Muti an der Mailänder Scala, 2001 an der Wiener Staatsoper (wieder als Gustavo) und 2002 als Einspringer für Luciano Pavarotti an der Metropolitan Opera New York.

Riccardo Muti nahm mit ihm Puccinis "Tosca" und Verdis "Troubadour" auf, eine Arienplatte und ein Duettalbum mit dem Tenorkollegen Marcelo Alvarez folgten. Unter dem Titel "Forbidden Love" hat seine Exklusivfirma Sony nun ein weiteres Recital folgen lassen. Es enthält ausschließlich Arien des italienischen Repertoires, in denen es - wie in den meisten Opern - um Liebe geht. Der Bogen spannt sich von Giuseppe Verdi ("Ernani", "Luisa Miller" und "Otello") über Amilcare Ponchielli, Arrigo Boito, Ruggero Leoncavallo, Pietro Mascagni und Francesco Cilea bis  zu Umberto Giordano.

Während Roberto Rizzi Brignoli am Pult des Orchestra Sinfonica di Milano Giuseppe Verdi hemmungslos in den Effekten des Verismo schwelgt, macht Licitra seinem Lehrer Carlo Bergonzi alle Ehre und bleibt stets ein kultivierter Stilist, der auf Schluchzer und Drücker verzichtet.

Licitras stämmiger Tenor besitzt viel Schmelz und verströmt vor allem geballte männliche Kraft, mit der er bisweilen auch einige Töne geradezu zerquetscht. Sein Vortrag zeichnet sich zwar durch temperamentvolles Engagement aus, besitzt aber doch nicht genügend Gestaltungskraft, um die einzelnen Charaktere prägnant zu profilieren. Auf Dauer wirkt Licitras robustes Espressivo etwas eintönig.

 

"Forbidden Love". Salvatore Licitra (Tenor).
Sony, 1 CD.

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Zu Lebzeiten hoch angesehen, fand Leopold Kozeluch (1747 bis 1818) in erster Linie nur als Gegner Mozarts Eingang in die Musikgeschichte. Kann man auch die Selbsteinschätzung des 1792 von Kaiser Franz II. von Österreich zum Hofkomponisten ernannten Böhmen, der allen Ernstes glaubte, seinem Kollegen überlegen zu sein, nicht teilen, so verdienen seine Werke doch Aufmerksamkeit.

Dieter Klöcker, der mit enzyklopädischem Ehrgeiz die Archive durchpflügende deutsche Meisterklarinettist, bricht mit seiner Einspielung der beiden authentischen Klarinettenkonzerte und der Sinfonia concertante in Es-Dur für Klarinette und Orchester jedenfalls sehr überzeugend eine Lanze für Kozeluch, der sich hier als überaus versierter Tonsetzer erweist, der die Möglichkeiten des Soloinstruments genau kennt und optimal ausnützt. Das Prager Kammerorchester bemüht sich engagiert um eine Musik, die zwar keine unverwechselbare Eigenart besitzt, aber doch zwischen Mannheimer Schule, Wiener Klassik und Frühromantik abwechslungsreiche Fassetten findet.

 

Leopold Kozeluch: Klarinettenkonzerte.
Dieter Klöcker (Klarinette), Prager Kammerorchester.
Orfeo, 1 CD.

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Die Geigerin Elisabeth Jess-Kropfitsch, die jetzt die künstlerische Leitung von "classic.muerz" übernommen hat und die neue Konzertreihe im Kunsthaus Mürzzuschlag am 1. März mit dem "1. Frauen-Kammerorchester von Österreich" eröffnet, hat sich mit Mozart gründlicher auseinandergesetzt als ihre Kolleg(inn)en, die meist einen Bogen um das Schaffen des Knaben machen.

Mit Johannes Jess-Kropfitsch am Klavier hat sie zwei Monate lang in der Villa Kaiserstein in Mürzzuschlag alle Violinsonaten von Wolfgang Amadeus Mozart eingespielt. Der Bogen spannt sich von der in Paris im Jänner 1764 entstandenen C-Dur-Sonate KV 6 des 8-jährigen Knaben bis zur F-Dur-Sonate KV 547 aus dem Jahr 1788 und schließt auch die Variationen KV 359 und 360 ein. In dieser Vollständigkeit steht die 6 CDs umfassende Box konkurrenzlos da und ermöglicht einen wirklich lückenlosen Überblick über die Entwicklung des Komponisten, der in seinen jüngeren Jahren auch als Geiger Furore gemacht hat, ehe er sich ausschließlich dem Klavier widmete.

Elisabeth Jess-Kropfitsch pflegt den bei Wolfgang Schneiderhan erlernten Wiener Mozart-Stil und musiziert auf ihrer 1751 in Mailand von Giambattista Guadagnini gebauten Violine sehr gediegen und mit großer Wärme, die gut mit dem weichen Ton des Bösendorfer-Flügels harmoniert.

Das ehrenhafte Bemühen, auf dem jüngsten Stand der Wissenschaft zu agieren, schlägt nur bei der Illustration fehl. Das auf der Vorderseite der Box prangende Porträt des Malers Johann Georg Edlinger zeigt nämlich nicht, wie kurzzeitig angenommen, Wolfgang Amadeus Mozart, sondern höchstwahrscheinlich den Münchner Stadtrat und Kaufmann Joseph Georg Steiner.

Wolfgang Amadeus Mozart: Die Violinsonaten.
Elisabeth Jess-Kropfitsch (Violine), Johannes Jess-Kropfitsch (Klavier).
Gramola, 6 CDs.

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Kompromisse zu machen, war auch für einen Komponisten vom Rang Georg Friedrich Händels unumgänglich. Seinen Beitrag zur dritten Saison der Londoner Royal Academy of Music, seine Oper "Floridante", konnte er am 9. Dezember 1721 im King's Theatre am Haymarekt keineswegs in jener Version zur Uraufführung bringen, die er eigentlich konzipiert hatte. Erkrankungen und Umbesetzungen zwangen ihn zu gravierenden Eingriffen.

Auch bei den späteren Aufführungsserien in den Jahren 1722, 1727 und 1733 passte Händel seine Oper den jeweiligen Umständen an, sodass sein "Floridante" in vier Fassungen vorliegt. Sie dürfen zwar alle als authentisch gelten, stellen aber letztlich doch nur Notlösungen dar.

Jetzt hat der Dirigent Alan Curtis gemeinsam mit dem Musikologen Hans Dieter Clausen, dem Herausgeber der kritischen Ausgabe des "Floridante" in der hallischen Händel-Ausgabe, eine Idealfassung erstellt und erstmals eingespielt, von der die beiden Herren mit gutem Grund annehmen, dass sie den eigentlichen Wünschen des Komponisten am nächsten kommt.

Der Höreindruck überzeugt jedenfalls in hohem Maße, weil Alan Curtis und sein Ensemble "Il Complesso Barocco" ebenso vital wie farbprächtig musizieren. In der für einen Altkastraten geschriebenen Titelpartie brilliert Marijana Mijanovic mit ihrem dunklen, ausdrucksstarken Mezzosopran. Ihr ebenbürtig, gestaltet Joyce DiDonato den in dieser Version besonders anspruchsvollen Part der Elmira.

 

Georg Friedrich Händel: "Floridante".
Marijana Mijanovic, Joyce DiDonato, Vito Priante, Sharon Rostorf-Zamir, Roberta Invernizzi, Riccardo Novaro. Il Complesso Barocco, Dirigent: Alan Curtis.
Deutsche Grammophon, Archiv Produktion, 3 CD.

Ernst Naredi-Rainer

 

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Der eigene Ton setzt sich nur sporadisch durch. In seiner zweiten Oper, "Der König und der Köhler", konnte Antonin Dvorak den übermächtigen Einfluss von Richard Wagner eben so wenig abstreifen wie die Vorbildwirkung der deutschen Spieloper, des Werkes von Jules Massenet und nicht zuletzt seines Landsmannes Friedrich Smetana. Dvorak hat dies natürlich selbst am besten gewusst und seine 1871 komponierte Oper 1874 und 1887 gründlich umgearbeitet.

Dennoch lohnt die Bekanntschaft mit dieser stilistisch uneinheitlichen komischen Oper, deren Libretto der gravierendere Grund dafür ist, warum man ihr auf unseren Bühne nie begegnen kann. Die Fülle musikalischer Einfälle beeindruckt nämlich nicht minder als die musikalische Realisierung. Unter dem schwungvollen und animierenden Dirigat von Gerd Albrecht, der wegen seiner Affinität zur böhmischen Musik zum ersten ausländischen Chefdirigenten der Tschechischen Philharmonie bestellt worden war, musiziert das WDR Sinfonieorchester Köln in bester Laune. Überaus homogen agiert das Ensemble (Dalibor Jenis, Peter Mikulas, Michelle Breedt, Livia Aghova, Michal Lehotsky und Markus Schäfer) auf erfreulich hohem Niveau.

Antonin Dvorak: "Der Köhler und der König".
Dirigent: Gerd Albrecht.
Orfeo, " CDs.

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

 

Über hundert Jahre verstaubte die Partitur im Archiv. Zu Unrecht, denn das 1876 in Leipzig uraufgeführte Violinkonzert in g-moll, op.141, von Carl Reinecke ist ein sorgfältig gearbeitetes, ganz gewiss aber nicht effekthascherisches Stück. Das über eine halbe Stunde dauernde Werk verlangt, weil es für den Widmungsträger Joseph Joachim, dem führenden Geiger seiner Zeit, komponiert wurde, dem Solisten technisch enorm viel ab, erlaubt ihm aber dennoch nicht, ein virtuoses Feuerwerk abzubrennen. Im Vordergrund stehen hier vielmehr , ausdrucksvolle Lyrik, dichte Dramatik, Kantabilität und Expressivität.

Ingolf Turban erweist sich beim Livemitschnitt der Wiederentdeckung dieses romantischen Konzerts als idealer Solist, der die spieltechnischen Hürden sicher meistert, mit fein differenziertem Ton der Delikatesse der Partitur nachspürt und stets die Spannung hält. Das gilt auch für die beiden beigefügten Violinromanzen.

Nicht ganz auf seinem Niveau agiert das von Johannes Moesus geleitete Berner Symphonie-Orchester, das auch der ebenfalls sehr traditionsbewussten ersten Symphonie des langjährigen Leipziger Gewandhauskapellmeisters, der hier an Schumann und Mendelssohn anknüpft, doch ein wenig Geschmeidigkeit schuldig  bleibt.

 

 

  Carl Reinecke: 1. Symphonie, Violinkonzert, Violinromanzen.
Ingolf Turban (Violine), Berner Symphonie-Orchester, Dirigent: Johannes Moesus.
cpo, 1 CD.

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

An der Wiener Staatsoper, an der sie 2003 bei der Premiere von Wagners "Fliegendem Holländer" einen ganz persönlichen Triumph feiern konnte, wird sie in der nächsten Spielzeit gleich in zwei - höchst unterschiedlichen - Premieren mitwirken: Als Sieglinde in Richard Wagners "Walküre" und als Leonora in Giuseppe Verdis "Macht des Schicksals". Allein das demonstriert höchst anschaulich, welch hohes Ansehen die junge schwedische Sopranistin bereits genießt und welch breites Repertoire man ihr anvertraut.

Obwohl sie sich in Glyndebourne und im Plattenstudio (an der Seite von Placido Domingo) bereits bis zu Wagners Isolde vorgewagt hat, besitzt ihre im Lyrischen verankerte Stimme noch jenen blühenden Liebreiz, der sie als ideale Strauss-Interpret ausweist. Auf einem Album, bei dem sie vom höchst farbig musizierenden Orchester des Royal Opera House Covent Garden unter dessen souveränem Chef Antonio Pappano liebevoll getragen wird, demonstriert sie eindrucksvoll das große Spektrum ihrer stimmlichen Möglichkeiten.

Mit Eleganz, Noblesse und femininer Wärme stattet Nina Stemme die Gräfin aus dem "Capriccio" aus. Für die "Vier letzten Lieder" schlägt sie wunderbar schattierte herbstliche Töne an. Und im schier mühelos bewältigten Schlussgesang der Salome findet sie zu einem triumphalen Jubelton, dessen Suggestivkraft überwältigt.

Richard Strauss: Schluss-Szenen aus "Salome" und "Capriccio" und "Vier letzte Lieder".
Nina Stemme (Sopran), Orchestra of the Royal Opera House Covent Garden, Dirigent: Antonio Pappano.
EMI Classics, 1 CD.

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Eine in mehrfacher Hinsicht höchst außergewöhnliche Einspielung der sechs Suiten für Violoncello von Johann Sebastian Bach hat edel Classics veröffentlicht.

Ins Auge fällt zunächst die ungewöhnliche Verpackung: In einem normalen Kartonschuber steckt eine dreifach verschachtelte Mappe aus einem lederähnlichen Material, das seinen Inhalt auch in Blindenschrift ausweist. Sie enthält in pergamentartigen Hüllen drei SACDs und zwei Booklets. Eines entpuppt sich als mehrfach gefalteter Poster mit einem Konterfei des Solisten und einer Graphik, die Bachs Stücke mit der Heiligen Dreifaltigkeit in Verbindung bringt. Das andere bringt die sehr persönlichen, bisweilen schon ans Esoterische grenzenden Kommentare und Erläuterungen des Interpreten.

Außergewöhnlich ist auch die Tontechnik: Die - höchstwahrscheinlich - erste Aufnahme auf SACD lässt in der Multikanalwiedergabe den Kirchenraum hörbar werden, in dem die Einspielung entstand.

Nicht zuletzt bietet der 30-jährige israelische Cellist Gavriel Lipkind eine keineswegs alltägliche Interpretation. Auf seinem 1702 in Bologna gebauten Garani-Cello musiziert er mit erlesener Tonschönheit, glühender Intensität und radikaler Subjektivität. Das Ergebnis fasziniert oder irritiert nachhaltig. Kalt lässt diese zweifellos polarisierende Einspielung sicherlich keinen Hörer.

Johann Sebastian Bach: Sechs Suiten für Violoncello solo, BWV 1007 bis 1012.
Gavriel Lipkind (Violoncello).
Edel Classics, 3 CDs.

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

An guten Aufnahmen des 3. Klavierkonzerts von Ludwig van Beethoven herrscht kein Mangel. Dennoch hat die Neueinspielung durch Michael Rische und das von Marcus Bosch dirigierte Deutsche Symphonie-Orchester Berlin ihre Berechtigung.

Zunächst, weil der deutsche Pianist den Solopart mit gestochener Klarheit vorträgt und das exzellente Orchester auf sehr hohem Niveau mit ihm in den Dialog tritt: Sachlich und detailgenau.

Vor allem aber, weil diese Aufnahme nicht weniger als sechs Kadenzen zum ersten Satz enthält, die der Hörer nach Belieben wählen kann. Zunächst jene von Beethoven selbst, die man meist zu hören bekommt. Dann eine, die lange Zeit Johannes Brahms zugeschrieben wurde, tatsächlich aber von Ignaz Moscheles stammt, den Beethoven als Pianist sehr geschätzt hat: Sehr ausladend und sehr romantisch. Noch länger ist mit fast sieben Minuten der Beitrag des Franzosen Charles Valentin Alkan ausgefallen, der dem Hörer den Einsatz von drei Pianistenhänden suggeriert, Beethovens 5. Symphonie zitiert und bis zur Bitonalität vordringt.

Als Entdeckungen dürfen die Kadenzen zweier Nazi-Opfer gelten. Erwin Schulhoff schrieb seinen Beitrag in jungen Jahren und konnte dabei seinen Lehrer Max Reger nicht verleugnen. Viktor Ullmann komponierte seine Kadenz 1944 zwei Wochen vor seinem Tod in Auschwitz: Ihr Bekenntnis zur deutschen Tradition in Zeiten der Barbarei, die mit Fortissimo-Schlägen hereinklingt, geht unter die Haut.

Schließlich hat auch Michael Rische, der auf dem größten Flügel der Welt spielt, einem Fazioli F308, selbst eine Kadenz verfasst: Knapp und persönlich, mit ihren Anspielungen auf Boulez und Messiaen auf der Höhe der Zeit.

 

Ludwig van Beethoven: 3. Klavierkonzert, c-moll, op. 37.
Michael Rische (Klavier), Deutsches Symphonie-Orchester Berlin, Dirigent: Marcus Bosch.
Arte Nova, 1 CD.

Ernst Naredi-Rainer

 

 

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Das Museo Castelvecchio in Verona beherbergt ein ebenso extravagantes wie kostbares Instrument, die Kombination von Cembalo und Hammerklavier. Es heißt "Vis-à-vis" und wurde 1777 in Augsburg von Johann Andreas Stein gebaut, der sich der besonderen Wertschätzung Wolfgang Amadeus Mozarts erfreuen durfte.

Steins "Vis-à-vis", das in einem rechteckigen Kasten die ineinandergeschobenen Flügelformen eines Cembalos mit drei Manualen und vier Registern und eines Fortepianos mit blanken Holzhämmern vereint, ermöglicht eine schier unglaubliche Fülle an Klangkombinationen.

Den schillernden Farbenreichtum dieser Rarität lassen zwei Experten für historische Instrumente, Christine Schornsheim und Andreas Staier, bei einem reinen Mozart-Programm in allen Fassetten zwischen zartem Gezirpe und lustvollem Donnern funkeln. Mozarts Sonaten für Klavier zu vier Händen, KV 368 und 381, erklangen wohl noch nie in so überwältigendem Nuancenreichtum. Schornsheim und Staier, die auch mit einigen kaum je zu hörenden Präludien die unerschöpflichen Möglichkeiten ihres Instruments ins rechte Licht rücken und die für Orchester komponierten "6 Deutschen Tänze" KV 509 äußerst geschickt für ihr "Vis-à-vis" transkribiert haben, musizieren mit Delikatesse und Bravour, Fantasie und Virtuosität, sie schwelgen in Mischklängen und Kontrasten und entlocken ihrem Zwitter einen faszinierenden Abwechslungsreichtum, der jeden Hörer in seinen Bann schlägt.

 

"Mozart am Stein Vis-à-vis".
Christine Schornsheim und Andreas Staier.
harmonia mundi, 1 CD.

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Weder die abgelutschte Kombination der romantischen Violinkonzerte von Felix Mendelssohn Bartholdy und Max Bruch noch der Versuch, die Solistin wie einen Postar zu lancieren und das Booklet mit entsprechenden Fotos zu füllen, wirken sonderlich originell. Dennoch verdient Janine Jansen Aufmerksamkeit.

Mit der 1978 in Utrecht geborenen Holländerin erhält der Kreis junger Spitzengeigerinnen attraktiven Zuwachs. Jansen beherrscht ihre Stradivari-Geige "Barrere" aus dem Jahr 1727 souverän, pflegt einen leichten, bisweilen fast flüchtigen, aber durchaus nuancenreichen Ton. Gefühligkeit kann man ihr nicht vorwerfen: Dem viel strapazierten romantischen Doppel begegnet sie mit kühler Haltung und hitzigem Temperament.

Besonders interessant ist die Zuwaage: Die selten zu hörende F-Dur-Romanze, op. 85, von Max Bruch, für die Janine Jansen zur Bratsche wechselt, wobei sie erneut dem emotionellen Sturm mit fast harter Klanggebung trotzt.

Mit dem Leipziger Gewandhausorchester, das unter seinem Chef Riccardo Chailly höchst differenziert musiziert und einen spezifisch deutschen, dunklen Klang kultiviert, steht Janine Jansen ein Orchester zur Seite, das sich nicht mit roitinierter Begleitung begnügt, sondern seinen Part sehr selbstbewusst mit zugespitzten Kontrasten gestaltet.

 

Felix Mendelssohn Bartholdy: Violinkonzert e-moll, op.64; Max Bruch: 1. Violinkonzert g-moll, op.26, und Romanze F-Dur für Bratsche und Orchester, op.85.
Janine Jansen (Violine und Viola), Gewandhausorchester Leipzig; Dirigent: Riccardo Chailly.
Decca, 1 CD.

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Gemessen an ihrem Spitzenrang in der internationalen Opernwelt, ist die Stimme der 1998 verstorbenen Wiener Sopranistin Leonie Rysanek auf Studioproduktionen nicht ausreichend dokumentiert. Abhilfe schafft jetzt eine Sammlung von Liveaufnahmen aus der Wiener Staatsoper, an der die Künstlerin immerhin 527 ihrer insgesamt 2100 Vorstellungen gesungen hat.

Der Bogen spannt sich von einem Mitschnitt aus dem Staatsopern-Notquartier Theater an der Wien, in dem die Rysanek 1955 neben dem grandiosen George London in der Titelrolle als Tatjana in Tschaikowskys "Eugen Onegin" besteht, bis zu ihrer 1991 festgehaltenen Küsterin in Leos Janaceks "Jenufa". Paraderollen wie Verdis Aida, Puccinis Tosca, Wagners Elsa ("Lohengrin") und Kundry  ("Parsifal") sowie die Santuzza in "Cavalleria rusticana" werden ebenso dokumentiert wie Raritäten: Smetanas "Dalibor" oder Cherubinis "Medea".

Die zweite CD dieser Box gilt ausschließlich den großen Rollen in denn Opern von Richard Strauss: Der Kaiserin in "Die Frau ohne Schatten", der Chrysothemis in der "Elektra", der Titelheldin in "Ariadne auf Naxos" und "Salome" sowie der Marschallin im "Rosenkavalier".

In all diesen Ausschnitten zeigt sich, dass die leuchtende Stimme von Leonie Rysanek offenbar von Mikrophonen nur schwer einzufangen war (mit ein Grund für die zu geringe Zahl von Studioproduktionen). Nicht überhören lassen sich auch ihre Schwächen: Vor allem ihre bisweilen problematische Intonation und die relativ geringe Substanz der Mittellage.

Das alles aber wird aufgewogen, von der bedingungslosen, glühenden, ja sengenden Intensität ihres Singens, der sich der Hörer kaum entziehen kann. Wer die Künstlerin auf der Bühne erlebt hat, kann mit diesem Recital seine Erinnerungen auffrischen, wem dieses Glück nicht vergönnt war, der hat hier die Möglichkeit, nachzuvollziehen, welch flammende Interpretin Leonie Rysanek gewesen ist, deren Weltkarriere nicht zufällig mit einem Einspringen für Maria Callas in Verdis "Macbeth" an der Metropolitan Opera in New York begonnen hatte. Wie die Callas setzte auch die Rysanek bedingungslos auf maximale Ausdruckskraft, der sie die Schönheit und Reinheit des Einzeltones jederzeit opferte.

 

Leonie Rysanek. Live Recordings 1955 - 1991.
Orfeo, 2 CDs.

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Der große Dirigent Wilhelm Furtwängler (1886 bis 1954) hat sich stets in erster Linie als Komponist gefühlt, den nur seine steile Pultkarriere davon abgehalten habe, seiner wahren Mission zu frönen. Schon bevor er seine Laufbahn als Kapellmeister einschlug, konnte er auf ein umfangreiches Oeuvre von über 100 Werken verweisen.

Als er im Dritten Reich wegen seines Eintretens für Paul Hindemith bei den Machthabern in Ungnade fiel, von seinen Ämtern zurücktrat und nur noch als freier Gastdirigent auftrat, blieb Furtwängler wieder genügend Zeit, seinem schöpferischen Drang zu folgen. In dieser Zeit, nämlich 1934/35 und 1938/39, entstanden seine beiden Violinsonaten, die jetzt auf einer ambitionierten Neueinspielung durch den Geiger Matthias Wollong und die Pianistin Birgitta Wollenweber greifbar sind.

Die erste der beiden Violinsonaten steht in d-moll und dauert monumentale 55 Minuten. Über diese lange Strecke vermag Furtwänglers zerklüftete, stets tonal bleibende und der tradierten Sonatensatzform gehorchende Musik aber nicht wirklich zu fesseln. Ohne sie als Kapellmeistermusik abtun zu wollen, kann sie doch nicht leugnen, dass ihr Autor eben sehr viele Kompositionen kannte und dieses Wissen nicht abzustreifen vermochte: Vor allem Brahms und Bruckner schauen ihm als Paten über die Schulter, aber auch Wagner macht sich bemerkbar.

Seiner Idee des organischen Wachsens und Entwickelns, das zu endlosen Sequenzen führt, folgte Furtwängler auch in der "nur" 45 Minuten dauernden Violinsonate in D-Dur, deren kaum minder gewaltiger Architektur die Interpreten ebenfalls souverän begegnen,

Da die Chancen gering bleiben werden, diesen beiden Violinsonaten im Konzert begegnen zu können, sei die CD allen Furtwängler-Bewunderern und Raritätensammlern ans Herz gelegt!

Wilhelm Furtwängler: Violinsonaten Nr. 1 und 2.
Matthias Wollong (Violine), Birgitta Wollenweber (Klavier).
cpo, 2 CDs.

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Weder der Interpret noch die von ihm gespielten Werke stehen im Mittelpunkt dieser CD, sondern die hier präsentierten Instrumente. "Gatto" dokumentiert die Hinterlassenschaft einer Orgelbauerfamilie, die zwischen 1740 und 1857 fast ganz Niederösterreich mit einem Netzwerk hervorragender Kirchenorgeln ausgestattet hat.

Sie sind, wie die Aufnahmen aus Haitzendorf, Weißenkirchen in der Wachau, Gansbach und Kirchberg am Wagram, noch heute in gutem Zustand, bzw. Gegenstand bevorstehender Restaurierungen. So soll etwa die 1781 von Ignaz Gatto d. J. erbaute Orgel in Haitzendorf, deren Pedalregister nicht mehr erhalten sind, in den Jahren 2008 bis 2011 gründlich restauriert bzw. rekonstruiert werden.

Da Ignaz Gatto d. Ä. (1708 bis 1786), Ignaz Gatto d. J. (1746 bis 1802), Joseph Gatto d. A. (1751 bis 1832), Joseph Gatto d. J. und Johann Gatto durchwegs Orgeln gebaut hatten, deren Klang den Anforderungen des Barock entsprachen, breitet der 1975 in St. Pölten geborene Marcus Hufnagl ihren Klangfarbenreichtum vorwiegend anhand barocker Literatur aus. Mit hoher Kompetenz widmet er sich Stücken von Georg Muffat oder  Johann Georg Albrechtsberger, zeigt aber auch mit einfachen Werken von Bach, für welche kirchenmusikalischen Anforderungen diese Instrumente konzipiert worden war.

 

"Gatto. Niederösterreichische Barockorgeln".
Marcus Hufnagl.
Extraplatte, 1 CD.

Ernst Naredi-Rainer

 

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Mit den beiden Klavierkonzerten von Frédéric Chopin hat das damals zwölfjährige Wunderkind in Moskau Aufsehen erregt. Mittlerweile 35 Jahre alt und längst ein gefeierter Weltstar, kehrt Evgeny Kissin wieder einmal zu Chopin zurück - und setzt als dessen Interpret Maßstäbe wie vor ihm nur Arthur Rubinstein.

Beim Verbier-Festival 2004 spielte Kissin vier Polonaisen und vier Impromptus des polnischen Komponisten, dessen Stücke er konsequent vom Ruch der parfümierten Salon-Musik befreit.

Souveräne, alle Hürden mit schier müheloser Leichtigkeit meisternde Technik versteht sich bei Kissin von selbst. Dazu kommen sein untrügliches Gespür für das richtige Timing, seine Meisterschaft in der Steuerung der Spannungskurven und seine prägnante rhythmische Pointierung. Kissin setzt aber keineswegs allein auf pianistische Brillanz, sondern fasziniert auch mit seiner Kunst, Charaktere prägnant herauszumeisseln und dennoch blitzartig zu wechseln. Sein Spiel zeichnet sich durch die Fülle an bedeutungsschweren Details aus und verliert doch nie den großen Bogen. Nicht zuletzt beeindruckt sein Ansatz, die Tradition über Bord zu werfen, und die Stücke unbefangen zu interpretieren: Am deutlichsten wird dies in der vielstrapazierten "heroischen" Polonaise in As-Dur, op.53, der er nicht den üblichen martialischen Gestus mitgibt, sondern Eleganz und Noblesse verleiht.

 

Frédéric Chopin: Impromptus und Polonaisen.
Evgeny Kissin (Klavier).
RCA, 1 CD.

Ernst Naredi-Rainer 

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von naredirainer am: 30.04.2007, 14:10 Uhr

Großer, modulationsfähiger Ton und souveräne Technik, die das Verdikt, Johannes Brahms habe ein "Konzert  gegen die Violine" komponiert, Lügen straft: Die Berliner Geigerin Katrin Scholz gibt sich bei ihrer Einspielung der Violinkonzerte von Johannes Brahms und Jean Sibelius keine Blöße.

Dennoch vermag ihre Aufnahme nicht zu begeistern. Im Verein mit dem Dirigenten Michael Sanderling, der bei Brahms das Kammerorchester Berlin leitet und bei Sibelius am Pult des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin steht, wählt sie nämlich Tempi, die reichlich zäh wirken. Vor allem der Kopfsatz des Brahms-Konzerts will nicht vom Fleck kommen. Behäbigkeit macht sich aber auch in anderen Sätzen immer wieder bemerkbar und erscheint letztlich als Mangel an Gestaltungswillen.

 

Johannes Brahms und Jean Sibelius: Violinkonzerte.
Katrin Scholz (Violine); Kammerorchester Berlin, Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin; Dirigent: Michael Sanderling.
Berlin Classics, 1 CD.

Ernst Naredi-Rainer

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