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11. März 2010 00:25
Das Kultur-Weblog der Kleinen Zeitung
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von naredirainer am: 01.03.2010, 20:33 Uhr

Lange verpönt und nur in der zensurierten Fassung als "Katerina Ismailowa" zugänglich, erfreut sich das Original der bedeutendsten Oper von Dmitri Schostakowitsch immer größerer Beliebtheit. Die Salzburger Festspiele haben "Lady Macbeth von Mzensk" 2001 in einer Inszenierung von Peter Mussbach unter Valery Gergiev herausgebracht, die Grazer Oper übernimmt in der nächsten Spielzeit die Inszenierung, mit der Burgtheaterdirektor Matthias Hartmann sein Regiedebüt an der Wiener Staatsoper gegeben hatte.

Auf DVD führt Martin Kusejs Amsterdamer Inszenierung, bei der Mariss Jansons am Pult stand, die Qualitätsliste vor dem 2004 mit Nadine Secunde und Christopher Ventris in Barcelona entstandenen Mitschnitt an. Auch die jetzt als DVD und Blu-ray veröffentlichte Dokumentation einer Produktion des Maggio Musicale Fiorentino 2008 kann mit Amsterdam nicht ganz konkurrieren.

Regisseur Lev Dodin meidet die von Kusej drastisch ausgestellte Brutalität, huldigt in den Bühnenbildern von David Borovsky einem folkloristisch angehauchten Realismus, den er bisweilen zu parodistischer Ironie steigert.

In dieser Inszenierung wirkt Vladimir Vaneev als Boris weniger abgefeimt und bösartig als in Amsterdam. Jeanne-Michèle Charbonnet überschreitet mit der Titelpartie ihre stimmlichen Grenzen, Sergej Kunaev bringt für den Sergej kühl kalkulierten tenoralen Charme mit. James Conlon dirigiert sorgfältig, bietet aber im Vergleich zu Jansons eine geglättete, etwas verharmlosende Lesart.

Dmitri Schostakowitsch: "Lady Macbeth von Mzensk".
Jeanne-Michèle Charbonnet, Sergej Kunaev, Vladimir Vaneev, Chor und Orchester des Maggio Musicale Fiorentino; Dirigent: James Conlon.
Regie: Lev Dodin.
Arthaus, 1 DVD bzw. 1 Blu-ray.

 

 

 

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 26.02.2010, 16:05 Uhr

Am Sonntag, dem 28. Februar 2010, wird er sein spektakuläres Debüt an der Wiener Staatsoper feiern. Auf ausdrücklichen Vorschlag von Direktor Ioan Holender singt Max Emanuel Cencic in der Uraufführung der "Medea" von Aribert Reimann den Herold der Amphiktyonen, der Jason und Medea den Bannspruch der griechischen Verbündeten von Korinths König Kreon überbringt. Mit seinem Countertenor soll Cencic, so Reimann, "die Verbindung zu den Göttern herstellen".

Mit der griechischen Mythologie setzt sich der 1976 in Zagreb geborene Künstler, der seine musikalische Grundausbildung bei den Wiener Sängerknaben erhalten hat und heute in Baden bei Wien lebt, auch auf seiner heute erschienenen zweiten Recital für Virgin Classics auseinander. Hatte er vor zwei Jahren seine erste Solo-CD für dieses Label Gioachino Rossini gewidmet, der nur in einer einzigen Oper einen Kastraten eingesetzt und danach seine Hauptrollen für Mezzosoprane geschrieben hat, so präsentiert sich Cencic jetzt im angestammten Repertoire heutiger Countertenöre. Mit einem Dutzend sorgfältig ausgesuchter Arien durchmisst er das Opernschaffen von Georg Friedrich Händel. Seine Auswahl spannt sich von der "Agrippina" des Jahres 1709 bis zum "Imeneo" aus dem Jahr 1740.

Da Händel in diesen Jahrzehnten für mehrere Vertreter der Kastraten-Elite seiner Zeit komponiert und ihnen jeweils maßgeschneiderte Arien geschrieben hat, ergibt sich für Cencic die Möglichkeit, alle Register seines Könnens zu ziehen. Er beeindruckt mit der phänomenalen Höhe seines Mezzosoprans, aber auch mit dessen Geschmeidigkeit bei den virtuos gemeisterten Koloraturkaskaden. Cencic vermag aber auch mit eleganten und klugen Phrasierungen in lyrischen Teilen zu punkten. Präzise verdeutlicht er die jeweiligen Affekte, weil er sich auch nicht scheut, den Schönklang links liegen zu lassen und seine Stimme zu Gunsten des Ausdrucks zu schärfen.

I Barocchisti unter Diego Fasolis und - in zwei Nummern aus der selten zu hörenden Hochzeits-Serenata "Parnasso in festa" - der Coro della Radiotelevisione svizzera stehen ihm als engagierte Partner flexibel zur Seite.

Georg Friedrich Händel: Opernarien.
Max Emanuel Cencic (Mezzosopran), Coro della Radiotelevisione svizzera, I Barocchist, Leitung: Diego Fasolis.
Virgin Classics, 1 CD.

 

 

 

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 23.02.2010, 14:08 Uhr

Bernarda Fink beschert dem Schumann-Jahr anlässlich des 200. Geburtstags des Komponisten einen ersten Höhepunkt. Die selten gesungenen späten "Gedichte der Königin Maria Stuart", op. 135 kombiniert sie auf ihrem jüngsten Recital mit dem populären "Liederkreis", op. 39, sechs Liedern aus dem Zyklus "Myrten",
op. 25 sowie zehn Vertonungen von Gedichten von Friedrich Rückert.

Bei allen 33 Liedern beeindruckt die Sopranistin mit ihrer reifer Gestaltungskunst. Sie verzichtet auf jegliche Eitelkeit und gewinnt dadurch gerade in den spröden und kargen Maria-Stuart-Liedern ganz besondere Eindringlichkeit. Generell fasziniert einmal mehr die schlichte, ungekünstelte Natürlichkeit und Ehrlichkeit ihres Vortrags, dessen feine Schattierungen und Nuancen mühelos aufwiegen, dass die technisch vorüglich geführte, wunderbar warm und weich timbrierte Stimme der 1955 in Argentinien geborenen Sängerin ihren Zenit bereits ein wenig überschritten hat.

Mit Anthony Spiri steht ihr ein ebenso sensibler wie flexibler Pianist ebenbürtig zur Seite.

Robert Schumann: Lieder.
Bernarda Fink (Sopran), Anthony Spiri (Klavier).
harmonia mundi, 1 CD.

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 22.02.2010, 15:05 Uhr

Auf ihren Ohren sitzen die steirischen Konzertveranstalter. Hartnäckig nehmen sie nicht zur Kenntnis, dass der am 10. Juni 1843 in Graz geborene Heinrich von Herzogenberg nicht nur als enger steirischer Freund von Johannes Brahms Eingang in die Musikgeschichte gefunden hat. Er gehört vor allem zu jenen zu Unrecht in Vergessenheit geratenen Komponisten, deren Wiederentdeckung sich wirklich lohnt. Um diese bemüht sich vor allem das verdienstvolle Raritätenlabel cpo.

Auf seiner bereits elften Herzogenberg-CD kombiniert es das 1876 komponierte Streichquartett d-moll, op. 18 mit dem 1892 entstandenen Streichquintett c-moll, op. 77. Das frühe Streichquartett ist ein Dokument der Abkehr von Richard Wagner und der Neudeutschen Schule, die dieses Genre als veraltet ansah. Das Streichquintett wiederum versteht sich als tönende Trauerarbeit: Der zweite Satz besteht aus "Variationen über ein Lied von Lisl". Lisl war Herzogenbergs Gattin Elisabeth von Stockhausen, die am 7. Jänner 1892 in San Remo gestorben war.

Können auch beide Werke eine Nähe zu Johannes Brahms nicht leugnen, so sind sie doch keineswegs epigonal. Handwerklich exzellent gearbeitet, verraten sie Formbewusstsein und Temperament. Sie wirken durchwegs inspiriert und vor allem das von persönlichem Leid geprägte Streichquintett dringt zu einer subjektiven Expressivität vor, die unmittelbar berührt.

Das in Köln beheimatete Minguet Quartett, das zwischen den beiden Einspielungen den Bratschisten getauscht hat (auf Irene Schwalb folgte Firmian Lermer) musiziert mit großem Engagement und auf hohem Niveau, das im Quintett auch der oberösterreichische Bratschist Peter Langgartner hält.

Heinrich von Herzogenberg: Streichquartett d-moll, op. 18; Streichquintett c-moll, op. 77.
Minguet Quartett, Peter Langgartner (Viola).
cpo, 1 CD.

 

 

 

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von naredirainer am: 21.02.2010, 20:11 Uhr

Seine zweite Oper, "Edgar", war Giacomo Puccinis Schmerzenskind, das er selbst als "kranken Organismus" bezeichnete. 1889 an der Mailänder Scala uraufgeführt und in nur drei Folgevorstellungen gezeigt, arbeitete er sein "Dramma lirico" nach Alfred de Mussets "La Coupe et les lèvres" mehrfach um: Eine erste revidierte Fassung kam 1892 in seiner Geburtsstadt Lucca heraus, eine zweite revidierte Version im selben Jahr in Ferrara, eine dritte Umarbeitung schließlich 1905 in Buenos Aires. In dieser dreiaktigen Fassung wurde er seither gelegentlich aufgeführt. Das vieraktige Original jedoch galt als verschollen. Erst als sich die amerikanische Puccini-Expertin Linda B. Fairtile daran machte, zum 150. Geburtstag des Komponisten den nur noch im Klavierauszug überlieferten vierten Akt zu instrumentieren, bequemte sich Simonetta Puccini, die Enkelin des Komponisten, die unversehrte Originalpartitur herauszurücken.

In dieser ursprünglichen Gestalt erlebte "Edgar" im Teatro Regio in Turin seine moderne Wiederaufführung, deren Mitschnitt als Welterstaufnahme des Originals auf DVD vorliegt. Sie verdient zunächst aus philologischen Gründen Interesse, zeigt sich doch, dass der Verzicht auf den fast vierzig Minuten dauernden Schlussakt dem Werk eher geschadet hat und das Original stärker wirkt.

Freilich lässt sich nicht leugnen, dass Ferdinando Fontana, der theaterunerfahrene Librettist, Alfred de Mussets Versdrama auf ein blutrünstiges Schauerstück reduziert hat, das auf die reflexiven Elemente der Vorlage verzichtet. Die Story erinnert an Wagners "Tannhäuser": Der Titelheld, ein Wüstling. steht zwischen zwei völlig unterschiedlichen Frauen, einer Heiligen und einer Hure, der braven Fidelia und der dämonischen Tigrana.

In Turin haben Regisseur Lorenzo Mariani und sein Ausstatter Maurizio Balò das Geschehen aus dem Jahr 1302 in die Epoche des Risorgimento verlegt und mit diesem Transfer in die Entstehungszeit dem Stück ebenso genützt wie mit ihrem Balanceakt zwischen Naturalismus und Stilisierung.

Die Turiner Produktion beeindruckt mit erfreulich hoher musikalischer Qualität: Yoram David dirigiert engagiert und schwungvoll. José Cura gestaltet den Titelhelden mit seinem ausdrucksstarken Bronzetenor als zerrissenen Charakter. Amarilli Nizza findet für die einfältige, geradlinige Fidelia frische, klare Soprantöne, Julia Gertseva kostet Puccinis größte Mezzosopranpartie mit Genuss aus, formt die Zigeunerin Tigrana zum dämonischen Luder.

Giacomo Puccini: "Edgar".
Amarilli Nizza, Julia Gertseva, José Cura, Chor und Orchester des Teatro Regio Torino, Dirigent: Yoram David.
Arthaus, 1 DVD.

 

 

 

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 19.02.2010, 19:21 Uhr

Die Granden der Alten Musik schätzen sie außerordentlich: Im Theater an der Wien sang Vivica Genaux in dieser Saison schon die Titelpartie von Gioachino Rossinis "Tancredi" unter René Jacobs und unter der Leitung von Nikolaus Harnoncourt die Hosenrolle des Ernesto in Joseph Haydns "Il mondo della luna". Macht die als Rossini-Sängerin weltweit gefragte Kanadierin auch im Bereich der Vorklassik und Klassik glänzende Figur, so bleibt doch die Barockmusik ihre wahre Domäne.

Mit der Gesamtaufnahme von Antonio Vivaldis Oper "Bajazet" hatte die Mezzosopranistin ihre Zusammenarbeit mit dem Label Virgin Classics eröffnet, das jetzt ein Recital mit Opernarien Vivaldis auf den Markt gebracht hat. "Pyrotechnics" lautet der Titel dieses Albums, auf dem die aus Alaska stammende Sängerin tatsächlich mit einem  atemberaubenden vokalen Feuerwerk brilliert. Rasche Läufe, halsbrecherische Koloraturen, heikle Sprünge und unglaublich rasch intonierte Trillergirlanden serviert sie mit einer technischen Brillanz, mit der sie keinerlei Konkurrenz scheuen muss. Ähnlich virtuos agieren Fabio Biondi und sein exzellentes Ensemble Europa Galante.

Das 13 umfassende Album, das dank der Weltersteinspielung von fünf Nummern des nur scheinbar wie am Fließband schreibenden, tatsächlich aber höchst inspiriert und kontrastreich komponierenden Venezianers auch hohen Repertoirewert besitzt, stellt freilich nicht nur die "geläufige Gurgel" der Sängerin unter Beweis, sondern auch ihre lyrischen Qualitäten, ihre Sensibilität für elegische Gesänge und ihre Kunst, mit ihrem androgyn klingenden, farbenreichen Mezzosopran Affekte höchst intensiv zu gestalten

"Pyrotechnics": Opernarien von Antonio Vivaldi.
Vivica Genaux (Mezzosopran), Europa Galante, Leitung: Fabio Biondi.
Virgin Classics, 1 CD.

 

 

 

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von naredirainer am: 17.02.2010, 16:54 Uhr

Ihre Mitwirkung bei der Aufsehen erregenden Produktion von George Gershwins "Porgy and Bess"´unter Nikolaus Harnoncourt bei der "styriarte" in Graz musste sie leider wegen einer schweren Erkrankung absagen. Schon vor der im letzten Sommer notwendig gewordenen Herzoperation ("Meine Aorta war geplatzt"), die sie glücklicherweise so gut überstanden hat, dass sie schon wieder auf der Bühne steht, hat Measha Brueggergosman ihr zweites Recital für die Deutsche Grammophon aufgenommen. Unter dem Titel "Night and Dreams" vereint es Lieder von Claude Debussy, Richard Strauss, Johannes Brahms, Franz Liszt, Henri Duparc, Gabriel Fauré, Xavier Montsalvatge, Franz Schubert, Francis Poulenc, Francis Hime, Reynaldo Hahn, Ernest Chausson, Manuel de Falla, Hugo Wolf, Wolfgang Amadeus Mozart und Peter Warlock zu einem wahrhaft bunten Strauß.

"Wir wollten schöne Musik", erklärt sie ihre Auswahl, "außerdem gibt mir dieses Repertoire die Möglichkeit, wirklich loszulassen."  Das gelingt der 1977 in Fredericton geborenen Kanadierin, die mit einem Schweizer namens Bruegger verheiratet ist, dessen Namen sie einfach an ihren eigenen angeschlossen hat, ganz erstaunlich. Sie schafft es tatsächlich, ihren technisch souverän geführten lyrischen Sopran in den 21 Liedern dieses Albums immer wieder anders zu färben und jeweils eine spezifische Atmosphäre zu kreieren. Zur imposanten dynamischen Skala, die vom substanzvollen Pianissimo bis zum unforcierten Fortissimo reicht, gesellt sich eine meisterhafte Sprachbeherrschung. Brueggergosman singt ebenso perfekt Englisch und Französisch wie Spanisch und Deutsch, schließlich hat sie auch bei Edith Wiens in Deutschland studiert. Den damals gefassten Entschluss, sich ausschließlich dem Lied zu widmen, hält sie zwar nicht konsequent ein, aber ihre Liebe zu diesem Genre findet auf diesem Album höchst beredt Ausdruck.

Die Sängerin, die in anderthalb Jahren 75 Kilos abgespeckt hat, begründet ihre Vorliebe für das Konzertpodium nicht nur mit ihrer Liebe zum Lied: "Es gibt zu viel Verrücktheit in der Oper von heute. Das tue ich mir nicht an."  Mit Justus Zeyen, der ihr im Studio ein höchst flexibler Flügeladjutant war, startet die Sängerin am 7. März in London ihre "Nights and Dreams"-Tournee, die sie leider nicht nach Österreich führen wird.

Der zweite Wermutstropfen: Im Booklet fehlt just bei einer Rarität wie "Anoiteceu" des 1939 geborenen Brasilianers Francis Hime der Abdruck des Liedtextes.

"Nights and Dreams".
Measha Brueggergosman (Sopran), Justus Zeyen (Klavier).
Deutsche Grammophon, 1 CD.

 

 

 

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von naredirainer am: 13.02.2010, 19:16 Uhr

 

Mit Anton Bruckners 5. Symphonie hatte das in seinen Anfängen vom Grazer Dirigenten Hans Rosbaud geformte Radio-Sinfonieorchester Frankfurt unter der Stabführung von Paavo Järvi im Mai 2009 im Grazer Stephaniensaal sein glanzvolles Debüt beim Musikverein für Steiermark gefeiert. Kein Zufall, ist doch die Gesamteinspielung der Symphonien Bruckners eines der zentralen Projekte des Orchesters und seines Chefdirigenten.

Nach dem Auftakt mit der 7. liegt nun als zweite Folge die im November 2008 in der Alten Oper in Frankfurt live mitgeschnittene, dank philologischer Sorgfalt nach der neuen Edition von Benjamin G. Cohrs eingespielte 9. Symphonie vor. Paavo Järvi wählt für den dem "lieben Gott" gewidmeten Schwanengesang Bruckners in den beiden Ecksätzen sehr ruhige Tempi. die es ihm erlauben, die Details liebevoll auszuformen, ohne darüber den großen Bogen aus den Augen zu verlieren. Wirklich "feierlich" klingt unter seinen Händen der Kopfsatz, dem aber auch das geforderte "Misterioso" nicht fehlt. Das nun auch hr-Sinfonieorchester heißende Frankfurter Radio-Sinfonieorchester musiziert mit erfreulicher Transparenz hoher Klangkultur und setzt Järvis Konzept, organischen Entwicklungen den Vorrang gegenüber pathetischen Zuspitzungen einzuräumen, höchst überzeugend um. Die Streicher spielen wunderbar genau, das Holz glänzt durch seelenvolle Wärme, das Blech mit homogenem Glanz,.

Anton Bruckner: 9. Symphonie.
Radio-Sinfonieorchester Frankfurt, Dirigent: Paavo Järvi.
Sony, 1 CD.

 

 

 

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 12.02.2010, 17:06 Uhr

 

"Heliopolis" nennt Matthias Goerne die vierte Folge seiner mit stets wechselnden Pianisten gestalteten, auf insgesamt zehn CD angelegten Edition ausgewählter Lieder von Franz Schubert. Der Name ist natürlich Programm: Lieder, die sich mit der Antike beschäftigen, stehen am Anfang: "Die Götter Griechenlands", "Philoktet", "Fragment aus dem Aischylos", "Der entsühnte Orest", "Aus Heliopolis", "Heliopolis", "An die Leier" und "Atys".

Goerne präsentiert sich hier in bestechender Bestform. Sein fülliger Bariton klingt noch dunkler, hat im Timbre weiter an Erz gewonnen, kann aber auch helle Leichtigkeit an den Tag legen . Nicht nur seine Stimme, sondern auch seine Gestaltungskunst stehen im Zenit ihres Könnens: Perfekt wahrt er die Balance zwischen melodischer Linie und vorbildlicher Textdeutlichkeit. Seine Ausdruckskraft sucht ihresgleichen, seine Farbpalette betört.

Standen ihm bisher mit Elisabeth Leonskaja, Helmut Deutsch, Eric Schneider und Christoph Eschenbach versierte Pianisten zur Seite, so greift diesmal der Dirigent Ingo Metzmacher in die Tasten, der seit seinen Tagen beim Ensemble modern nicht mehr als Pianist aufgetreten ist. Gerade sein Mangel an Routine als Liedbegleiter erweist sich als Vorteil: Sein Blick auf den Notentext ist nicht von Routine angekränkelt, entdeckt bisweilen Details, die Kollegen kaum beachten.

"Heliopolis".
19 Lieder von Franz Schubert.
Matthias Goerne (Bariton), Ingo Metzmacher (Klavier).
Harmonia mundi, 1 CD (+ Bonus DVD).

 

 

 

Ernst Naredi-Rainer

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von naredirainer am: 30.01.2010, 18:55 Uhr

Die Uraufführung hatte in Graz stattgefunden. Im Thalia-Theater stand der Komponist Franz von Suppé selbst am Pult, um seine "Pique Dame" aus der Taufe zu heben. Mit einer erstklassigen Besetzung: Die Hauptrolle der Judith sang die 20 Jahre junge Amalie Materna, die Richard Wagner 1876 nach Bayreuth holte, um ihr bei der Uraufführung seines "Rings des Nibelungen" die Brünnhilden anzuvertrauen.

Wie von so vielen Werken Suppés wird, abgesehen vom "Boccaccio", heute auch von "Pique Dame" meist nur noch die Ouvertüre gespielt - ein brillantes Stück, das bereits auf den italienischen Einfluss hinweist, der sich durch die nachfolgenden Nummern zieht. "Pique Dame" war der zweite Versuch des dalmatinischen Komponisten, nach dem Muster von Jacques Offenbach in Wien als Operettenkomponist zu reüssieren. Seine 1862 aus der Taufe gehobene "Kartenaufschlägerin" verschwand allerdings schon nach vier Tagen vom Spielplan. Suppé arbeitete sie für Graz zur "Pique Dame" um und benutzte damit einen Titel, den Alexander Puschkin schon 1834 für eine Erzählung gewählt hatte, die erst 1890 in der Opernfassung durch Peter Iljitsch Tschaikowsky Berühmtheit erlangen sollte.

Mit Puschkin hat das wahrscheinlich von Sigmund Schlesinger stammende Textbuch für Suppé nichts zu tun: Hier geht es darum, wie die Kartenaufschlägerin Judith ihre Möglichkeiten nutzt, um ihrem Ziehsohn Emil zur Heirat mit Henriette zu verhelfen und deren Vormund Fabian Muker aus dem Weg zu räumen.

Dem Vorbild Offenbachs folgend, parodiert auch Suppé damals berühmte Opern: Verdis "Troubadour" , "La Traviata" und "Maskenball" oder Meyerbeers "Robert le diable". Dass er ein Terzett komponiert, das verblüffend dem Kartenterzett aus der erst zehn Jahre später entstandenen "Carmen" von Georges Bizet ähnelt, stellt seinem ausgeprägten melodischen Erfindungsgeist ein glänzendes Zeugnis aus.

Kennen lernen kann man seine zweiaktige, aber dennoch nicht abendfüllende "komische Operette" dank einer vom verdienstvollen Raritätenlabel cpo auf CD veröffentlichten WDR-Produktion, die allerdings keine Dialoge, sondern nur die Ouvertüre und die ihr folgenden, durchaus hörenswerten neun Musiknummern enthält.

Michail Jurowski musiziert mit dem WDR Rundfunkorchester höchst animiert und spritzig, die Solisten agieren solide und erfreulich wortdeutlich. Anjara Ingrid Bartz zieht mit dunklem Mezzosopran, dessen Brustregister sie effektvoll einzusetzen weiß, als Judith die Fäden. Die Liebhaberrolle ihres Ziehsohns Emil hat Suppé nicht einem Tenor, sondern einem Bariton anvertraut: Der Norweger Tom Erik Lie kommt mit der hohen Tessitur leidlich zu Rande. Seiner angebeteten Henriette leiht Mojca Erdmann ihren klaren Jungmädchensopran. In der Rolle des düpierten Vormunds, der sein Mündel doch nicht heiraten kann, zieht der Tenor Thomas Dewald seine komödiantischen Register.

Franz von Suppé: "Pique Dame".
Mojca Erdmann, Anjara Ingrid Bartz, Thomas Dewald, Tom Erik Lie; WDR Rundfunkorchester, Dirigent: Michail Jurowski.
cpo, 1 CD.

Ernst Naredi-Rainer

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