10. Februar 2012 09:57 | |||||
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In der altehrwürdigen Pariser Oper, im Palais Garnier, hat Natalie Dessay eben in einer Aufführungsserie von Georg Friedrich Händels „Giulio Cesare“ das Publikum begeistert. Wer nicht sehen konnte, wie sie in Laurent Pellys Inszenierung als nur notdürftigst verhüllte Cleopatra neben Julius Caesar auch das Publikum und die Kritiker („Die 45-jährige französische Starsopranistin macht aus Händels Oper eine One-Woman-Show“) in ihren Bann schlug, dem bleibt immerhin akustischer Trost: Das Album „Cleopatra“, bei dem sie ebenfalls vom Originalklangensemble Concert d'Astrée unter der Leitung von Emmanuelle Haim in exzellenter Manierb begleitet wird, hält alle Höhepunkte ihrer Partie fest, als Partner fungieren die Altistin Sonia Prina (Giulio Cesare) und der Countertenor Stephen Wallace (Nireno). Nicht zuletzt bietet die CD zwei Besonderheiten: Sie wartet auch mit jenen beiden Arien („Per dar vita“ und „Troppo crudeli siete“) auf, die Händel noch vor der Londoner Uraufführung im Jahr 1724 ausgetauscht hat – und die zuvor noch nie aufgenommen wurden!
Die vor einem Jahr zur österreichischen Kammersängerin ernannte französische Koloratursopranistin zieht als Cleopatra alle Register ihres stupenden Könnens: Klingt ihr Sopran auch nicht mehr so leicht und schwerelos wie vor der Stimmbandoperation, so beherrscht sie ihn doch nach wie vor mit einer immer noch höchst imposanten, nur bei Spitzentönen zur Verhärtung neigenden Technik, die alle Koloraturen funkeln und blitzen lässt. Natalie Dessay fesselt aber nicht nur als Vokalakrobatin. Sie zieht alle weiblichen Register, wechselt von sanften Schmeicheltönen über gurrende Koketterie zu abgrundtiefer Verzweiflung, bietet eine schillernde Ausdruckspalette, der keine Facette fremd ist und die nur bei dramatischen Attacken stimmliche Grenzen erkennen lässt. Und weil sie über reiche Barockerfahrung verfügt, wartet sie in den Dacapo-Teilen mit einer Fülle an Verzierungen und Variationen auf, die ihrer stilistischen Kompetenz und Kreativität ein glänzendes Zeugnis ausstellen.
„Cleopatra“. Ausschnitte aus Georg Friedrich Händels „Giulio Cesare“.
Natalie Dessay (Sopran), Sonia Prina (Alt), Stephen Wallace (Countertenor); Le Concert d'Astrée, Leitung: Emmanuelle Haim.
Virgin Classics, 1 CD.
Ernst Naredi-Rainer
Blutrache führt nur zur Blutrache. Es gibt keinen Ausweg aus dem Kreislauf des Verbrechens, zeigte Nikolaus Lehnhoff im Vorjahr mit seiner Inszenierung der "Elektra" von Richard Strauss für die Salzburger Festspiele, deren Mitschnitt jetzt als DVD und Blu ray vorliegt.
Am Ende schockte der Regisseur die Besucher der Salzburger Festspiele: Als sich das Stahltor im Hintergrund öffnete, gab es den Blick frei auf ein blutverschmiertes Badezimmer. An einem von der Decke baumelnden Haken hing kopfüber die Leiche der erschlagenen Klytämnestra. Ihr Sohn Orest hat zwar die Ermordung seines Vaters Agamemnon gerächt, sich damit aber ebenso schuldig gemacht. Als er sich umwandte, tauchten aus dem Schatten seltsam gefiederte schwarze Gestalten auf: Die Erinnyen, die Rachegöttinnen der antiken griechischen Mythologie, werden nun ihn jagen und verfolgen.
Es gibt keinen Ausweg aus dem Kreislauf von Gewalt und Rache. Der Fluch bleibt bestehen, zeigt Nikolaus Lehnhoff in seiner Salzburger Inszenierung der "Elektra" der Festspielgründer Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal. Der sichtlich von einer Krankheit gezeichnete und wohl deshalb von Daniel Dooner ("szenische Mitarbeit") unterstützte Regisseur mied dabei - wie schon in seiner Leipziger Inszenierung von 1992, aus der er auch Klytämnestras Auftritt mit Sonnenbrille übernimmt - jeden Realismus, jede zeitliche oder örtliche Festlegung, jede billige Aktualisierung: Das sinnlose Drama der Blutrache kann jederzeit und überall stattfinden. Von Raimund Bauer ließ er sich deshalb keinen antiken Palasthof entwerfen, sondern eine die Breitwandbühne des Großen Festspielhauses drastisch verschmälernde, nach hinten gekippte Betonfestung mit gewelltem Boden. Sie ist die von Hofmannsthal geforderte Stätte der "Unentfliehbarkeit", ein Gefängnis für Elektra, eine "Schaltzentrale ihrer Obsession" (Lehnhoff), und eine "Gedankenfolterkammer" (Bauer). Lehnhoff führt darin sehr zurückhaltend Regie, eingedenk der Forderung von Strauss: "Meine Opern verlangen von den Akteuren allergrößte Schlichtheit."
Der dringenden Empfehlung des Komponisten, seine "Elektra" "wie Mendelssohn: Elfenmusik" zu dirigieren, leistet hingegen Daniele Gatti nur gelegentlich Folge. Am Pult der Wiener Philharmoniker inszeniert er kein subtiles Psychodrama, sondern einen auf Hochglanz getrimmten Horrortrip, dessen entfesselter Klangrausch die Sängerinnen oft gnadenlos zudeckt - die Tontechnik konnte hier bei der Aufzeichnung ein wenig korrigierend nachhelfen, die strapazierten Stimmbänder aber auch nicht revitalisieren.
Die Rollendebütantin Iréne Theorin kommt trotz der Entlastung durch alle gängigen Striche als Elektra nur mit Abstrichen über die Runden. Weil ihr der stimmliche Stahlpanzer für einen Lavastrom der Leidenschaft fehlt, rückt sie mit leicht scharfem Dauervibrato und völlig unverständlicher Diktion nicht die dämonische Rächerin, sondern das verletzte Opfer in den Vordergrund. Eva-Maria Westbroek bringt für die Chrysothemis den jugendlich blühenden Sopran mit, nötigt das Publikum aber ebenfalls zum Blick auf die Übertitel. Waltraud Meier artikuliert markanter und wahrt als eindringlich singende und nie keifende Klytämnestra königliche Würde. Robert Gambill hält den Aegisth von der Karikatur fern. Wortdeutlich und markig setzt René Pape, der souverän das vokale Niveau des Abends dominiert, als Orest Maßstäbe.
Richard Strauss: "Elektra".
Iréne Theorin, Eva-Maria Westbroek, Waltraud Meier, Robert Gambill, René Pape; Wiener Philharmoniker, Dirigent: Daniele Gatti.
Arthaus, 1 DVD.
Ernst Naredi-Rainer
Das Schaffen von Johann Sebastian Bach hat im Repertoire von Claudio Abbado nie eine große Rolle gespielt. Als Chef der Salzburger Osterfestspiele hat er dort mit den Berliner Philharmonikern immerhin die Matthäus-Passion (1997) und die h-moll-Messe (1999) aufgeführt. Ebenfalls mit den damals unter seiner Leitung stehenden Berliner Philharmonikern hat er 1994/95 auch, auf mehrere Abende aufgeteilt, die Brandenburgischen Konzerte gespielt, die er schon Mitte der siebziger Jahre mit den „Solisten des Orchesters der Mailänder Scala“ für CBS aufgenommen hatte. Das später von Sony aufgekaufte Label gibt es heute nicht mehr, die einem hoffnungslos veralteten Interpretationsideal huldigende Einspielung ist mit gutem Grund aus dem Katalog verschwunden.
Mittlerweile hat sich Abbado, der schon in seiner ersten Saison als Chefdirigent der Berliner Philharmoniker Nikolaus Harnoncourt an deren Pult gebeten hatte, mit den Grundsätzen der historischen Aufführungspraxis vertraut gemacht. Zum Teil auf historischen Instrumenten musiziert denn auch das 2004 gegründete und seither von ihm geleitete Mozart Orchestra, mit dem er im Frühjahr 2007 für eine von Bologna über Ferrara, Pisa, Prato, Reggio Emilia, Venedig, Modena und Verona bis Bozen führende Italien-Tournee erneut Bachs Brandenburgische Konzerte erarbeitet hat. Ein Blick auf die Besetzungsliste legt freilich den Schluss nahe, dass Abbado dabei erheblich von den Erfahrungen seiner Musiker profitiert hat. Dem Orchestra Mozart gehörten bei diesem Projekt nämlich u. a. der italienische Barockspezialist Giuliano Carmignola als Konzertmeister, Ottavio Dantone, der Leiter der Accademia Bizantina, als Cembalist, die gefeierte Blockflötenvirtuosin Michala Petri oder Reinhold Friedrich an, der sich als Spezialist für Barocktrompeten einen Namen geschaffen hat.
Dennoch unterscheidet sich Claudio Abbados Deutung der Brandenburgischen Konzerte, die am 21. April 2007 als Live-Mitschnitt im Teatro Municipale Romolo Valli in Reggio Emilia entstanden ist, zunächst von Medici Arts als DVD auf den Markt gebracht und jetzt von der Deutschen Grammophon auf zwei CDs veröffentlicht wurde, nachhaltig von den Lesarten der großen Barockinterpreten. Abbado wirft nämlich einerseits einen analytischen Blick auf die Partituren, deren Polyphonie er mit den exzellten Instrumentalisten sorgfältig ausleuchtet, andererseits bleibt er doch Italiener, der sehr entschieden der Melodie die Führungsrolle zugesteht, sie weich und duftig aufblühen lässt und damit deutlich auf Distanz zum motorischen Drive vieler Originalklangensembles geht.
Johann Sebastian Bach: Brandenburgische Konzerte Nr.1 bis 6.
Orchestra Mozart, Dirigent: Claudio Abbado.
Deutsche Grammophon, 2 CDs.
Ernst Naredi-Rainer
Der neuen Direktion der Wiener Staatsoper, die sich danach nicht immer durch ihre Besetzungspolitik auszeichnete, hat Edita Gruberova im Oktober mit fünf konzertanten Aufführungen von Gaetano Donizettis „Lucrezia Borgia“ den ersten Premierentriumph gesichert. Wenige Monate zuvor hat sie im Juni des Vorjahres zwei ebenfalls konzertante Aufführungen in der Kölner Philharmonie mitschneiden lassen: Mit dem von Nightingale Classics auf 2 CDs veröffentlichten Endresultat macht die Belcanto-DVD sich selbst: Im Juli 2009 wurden an der Bayerischen Staatsoper München zwei Vorstellungen von „Lucrezia Borgia“ mit Edita Gruberova als Titelheldin in der klugen Inszenierung von Christof Loy aufgenommen, die Decca als DVD auf den Markt gebracht hat. Die Besetzungen weisen aber außer der Sopranistin nur eine Gemeinsamkeit auf: Franco Vassallo singt da und dort den Herzog Alfonso von Ferrara, dem er mit seinem wohlgerundeten Bariton nicht nur vokale Kraft verleiht, sondern auch recht differenziert mit hinterhältiger Eleganz ausstattet.
1833 an der Mailänder Scala uraufgeführt, greift die auf einem Stück von Victor Hugo basierende Oper alle Gräuelmärchen über die 1480 geborene Tochter von Papst Alexander VI. auf, denen Historiker längst keinen Glauben mehr schenken. Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände vergiftet Lucrezia Borgia in der Oper ihren eigenen, vor ihrem Mann Alfonso geheim gehaltenen Sohn Gennaro, dem sie erst im letzten Moment gesteht, seine Mutter zu sein.
Als finstere Verbrecherin und gleichzeitig inbrünstig liebende Mutter zählt Lucrezia Borgia zu Donizettis komplexesten Frauenfiguren. Edita Gruberova, die diese Rolle erst im Februar 2008 mit einer konzertanten Aufführung in Barcelona in ihr Repertoire aufgenommen hat („Für Lucrezia braucht man Lebenserfahrung“), vermag diesem Zwiespalt vokal beredt Ausdruck zu verleihen. Die 63-jährige Ausnahmesängerin, die am Schluss mit ihrem makellosen dreigestrichenen Es in Erstaunen versetzt, fasziniert nicht nur mit ihrer phänomenalen Technik, mit ihren brillanten Spitzentönen, raffinierten Koloraturen und gehauchten Pianissimi. Sie erfüllt jede Note mit emotionaler Glut und vermittelt so ein packendes Psychogramm der ebenso gefährlichen wie verzweifelten Figur.
José Bros singt den Gennaro mit elegant und intensiv geführtem, kernigen Tenor, Silvia Tro Santafé macht als agiler Maffio Orsini mit ebenso fülligem wie beweglichem Mezzosopran gute Figur. Das WDR Rundfunkorchester Köln besitzt zwar nicht die Klasse des Orchesters der Wiener Staatsoper, aber der ukrainische Dirigent Andriy Yurkevych agiert mit deutlich mehr Elan und Stilgefühl als Friedrich Haider, der das Stück in Wien in die Nähe des jungen Verdi gerückt hatte.
Gaetano Donizetti: „Lucrezia Borgia“.
Edita Gruberova, Silvia Tro Santafé, José Bros, Franco Vassallo; Chor der Oper Köln, WDR Rundfunkorchester Köln, Dirigent: Andriy Yurkevych.
Nightingale Classics, 2 CDs.
Ernst Naredi-Rainer
Von vielen seiner Kollegen unterscheidet sich der deutsche Cellist Johannes Moser wohltuend durch seine überlegten Programmzusammenstellungen. Auf seiner jüngsten CD kombiniert er die relativ bekannte Cellosonate C-Dur, op.65 von Benjamin Britten mit der zweisätzigen, elegisch angehauchten Cellosonate d-moll, H 125,von Brittens Lehrer Frank Bridge und ergänzt sein britisches Album noch durch die spätromantisch-nostalgische Legend-Sonate von Arnold Bax, in die ebenfalls Weltkriegs-Erfahrungen eingeflossen sind. Damit ermöglicht er interessante Vergleiche zwischen den Kompositionen aus den Jahren 1961, 1913 (Brittens Geburtsjahr!) bis 1917 und 1943. Mit den Stücken von Bridge und Bax widmet sich der 1979 in München geborene und von David Geringas ausgebildete Musiker Mauerblümchen des Repertoires: Deren lyrische Schönheiten zelebriert der Gewinner des Moskauer Tschaikowsky-Wettbewerbs von 2002 mit so sonorer Kantabilität, dass man sich nur wundern kann, warum diese beiden Sonaten außerhalb von England so stiefmütterlich behandelt werden.
Wie schon bei seinen früheren Sonaten-Aufnahmen für Hänssler Classic von Paul Rivinius am Flügel intensiv unterstützt, schöpft Moser bei der von Mstislaw Rostropowitsch und dem Komponisten aus der Taufe gehobenen Sonate von Britten deren Ausdrucksreichtum bis zur Neige aus: Die fünf höchst Charaktersätze dieses Werks geben den Interpreten reichlich Gelegenheit, unterschiedlichsten Stimmungen nachzuspüren. Moser, der seine überragende Virtuosität nie eitel zur Schau stellt, tut dies mit einer rhetorischen Eindringlichkeit, Noblesse und Raffinesse, auf die sein Partner am Klavier adäquat zu reagieren weiß.
Frank Bridge, Benjamin Britten und Arnold Bax: Cellosonaten.
Johannes Moser (Violoncello), Paul Rivinius (Klavier).
Hänssler Classic, 1 CD.
Ernst Naredi-Rainer
Einen Griff nach den Sternen wagt Christina Pluhar mit ihrer Einspielung der Marienvesper von Claudio Monteverdi, deren Monumentalität und Tiefgang schon vor ihr alle großen Interpreten Alter Musik ausgelotet haben. Die 1965 in Graz geborene Lautenistin, die seit vielen Jahren in Paris lebt, unterscheidet sich von ihren illustren Vorgängern zunächst einmal durch radikale Kürze: Ihre Version dauert nur 75 Minuten und hat deshalb auf einer einzigen CD Platz. Des Rätsels Lösung: Mit dem – durchaus plausiblen, auch schon von Rinaldi Alessandrini ins Treffen geführten – Argument, das 1610 gedruckte Meisterwerk sei nicht nur für die Kirche, sondern auch für Aufführungen in fürstlichen Palästen konzipiert worden, streicht sie die Gregorianischen Antiphone und eine der beiden Magnificat-Optionen der Vesper.
Der Hinweis auf Aufführungen in Privatgemächern hat noch andere Konsequenzen: Pluhar verzichtet auf eine chorische und entscheidet sich für eine solistische Besetzung. Das garantiert einerseits ein hohes Maß an Durchsichtigkeit und ermöglicht andererseits flotte, bis rasante, aber trotzdem nicht gehetzt wirkende, sondern immer noch swingende Tempi, deren dennoch saubere Bewältigung der Virtuosität der Vokalisten und Instrumentalisten von „L'Arpeggiata“ ein glänzendes Zeugnis ausstellt. Immerhin wird die Sopran-Riege von niemand Geringerem als Nuria Rial angeführt, deren warme Stimme wunderbar mit jener von Raquel Andueza harmoniert und deutlich mit dem kühleren Organ von Miriam Allen kontrastiert. Pluhars Markenzeichen, ihr tänzerischer Grundgestus mit knackigen, bassbetonten Rhythmen, nivelliert allerdings ein wenig, dass Monteverdi sich bei den einzelnen Sätzen unterschiedlicher Stile bedient hat, um dem Widmungsträger, Papst Paul V., seine Vielseitigkeit, Flexibilität und auf der Höhe der Zeit stehende Meisterschaft demonstrativ vor Augen zu führen.
Claudio Monteverdi: „Vespro della Beata Vergine“ (Marienvesper).
L'Arpeggiata, Leitung: Christina Pluhar.
Virgin Classics, 1 CD und 1 DVD (Probendokumentation).
Ernst Naredi-Rainer
Nein, Johann Ludwig Bach ist keiner der vielen Söhne von Johann Sebastian Bach, sondern ein weit entfernter, um acht Jahre älterer Verwandter des von 1723 bis 1750 amtierenden Leipziger Thomaskantors. Er hat zwischen Februar und September 1726 in Leipzig 18 Kirchenkantaten des so genannten, von ihm sehr geschätzten „Meininger Bachs“ aufgeführt und damit der Nachwelt überliefert.
Als bedeutendstes der erhaltenen Werke von Johann Ludwig Bach, der 1677 geboren wurde, ab 1699 als Musiker am Hof in Meiningen tätig war und dort 1703 zum Kantor, 1711 als Kapellmeister avancierte und 1731 starb, gilt seine 1724 entstandene „Trauermusik“ auf Herzog Ernst Ludwig I. von Sachsen-Meiningen. Der Verstorbene, dessen Begeisterung für die Dichtkunst zwei vollständige Jahrgänge von Kantatentexten entsprang, hatte schon in jungen Jahren selbst dazu den Text verfasst, ein Strophenlied, das ein unbekannter Bearbeiter mit zwei neu gedichteten Passagen zu einem dreiteiligen Libretto erweiterte, in dessen Verlauf die Trauer allmählich überwunden und eine Vision des ewigen Lebens entworfen wird.
Das ungewöhnlich reich besetzte, mit seinen zukunftsweisenden Modernismen den Thomaskantor in das Konservativeneck drängende Werk verlangt – einige Jahre vor der „Matthäus-Passion“ von Johann Sebastian Bach – zwei vierstimmige Chöre und ein zweigeteiltes Orchester. Hermann Max hat es vor zehn Jahren mit seiner „Rheinischen Kantorei“ und seinem Ensemble „Das kleine Konzert“ für Capriccio eingespielt. Jetzt lässt Hans-Christoph Rademann mit dem seit 2007 unter seiner Leitung stehenden, mit vorbildlicher Leichtigkeit und Durchsichtigkeit singenden RIAS-Kammerchor und der auf historischen Instrumenten musizierenden Akademie für Alte Musik Berlin mit seiner Neuaufnahme für „harmonia mundi“ keine Zweifel darüber offen, dass sein Einsatz einem Meisterwerk gilt. Mit dramatischem Nachdruck unterstreicht er die theatralische Anlage dieser mit prächtigem Glanz, kühnen Harmonien und vertrackt-raffinierten Rhythmen aufwartenden Partitur, die sich alsbald vom anfänglichen Trauerton entfernt und zu freudigem Schwung findet. Und mit den durchwegs hellen, schlanken und sehr beweglichen Stimmen von Anna Prohaska, Ivonne Fuchs, Maximilian Schmitt und Andreas Wolf steht ihm ein ideales Solistenquartett für die ungemein expressiven und empfindsamen Arien zur Verfügung.
Johann Ludwig Bach: Trauermusik.
Anna Prohaska (Sopran), Ivonne Fuchs (Alt), Maximilian Schmitt (Tenor), Andreas Wolf (Bass), RIAS-Kammerchor, Akademie für Alte Musik Berlin, Dirigent: Hans-Christoph Rademann.
Harmonia mundi, 1 CD.
Ernst Naredi-Rainer
Erfolge verlangen nach den ehernen Marktregeln zwingend eine Fortsetzung. Nachdem sich Jan Voglers Encore-CD „My Tunes“ offensichtlich glänzend verkauft haben, wandelt der deutsche Starcellist mit „My Tunes 2“ auf seinen eigenen Spuren. Seine ganz persönliche Sammlung von Melodien und Stücken“ umfasst 14 Ohrwürmer, unter denen sich nur zwei Original-Kompositionen für Violoncello befinden: Das Allegro appassionato op. 43 von Camille Saint-Saens und die Zwei Stücke für Violoncello und Orchester von Alexander Glasunow.
Über die restlichen zwölf Transkriptionen lässt sich durchaus puristisch die Nase rümpfen, zumal die Arrangements von Manfred Grafe bisweilen (Franz Schuberts „Ave Maria“) geradezu verschwenderisch mit Saccharin umgehen. Andererseits lässt der 1964 geborene ehemalige Meisterschüler des österreichischen Paradecellisten Heinrich Schiff sein 1721 gebautes Montagnana-Cello „Ex-Hekking“ so hingebungsvoll singen, dass angesichts dieser sonoren Noblesse stilistische Bedenken alsbald verfliegen.
Der künstlerische Leiter des Moritzburg-Festivals und Intendant der Dresdner Musikfestspiele lässt den Schwan aus dem Karneval der Tiere von Camille Saint-Saens geradezu majestätisch erscheinen, schwingt sich emphatisch mit Felix Mendelssohn Bartholdy „Auf Flügeln des Gesanges“, kostet die Schönheit von Joseph Joachim Raffs „Cavatina“ weidlich aus und verliert sich schwärmerisch in Richard Wagners „Träume“ aus den Wesendonck-Liedern.
Dort, wo er sich Bravournummern für Geiger aneignet, wartet Jan Vogler freilich auch mit mitreißender Virtuosität auf: In Niccolo Paganinis Variationen über ein Thema aus Rossinis „Mosé“, im „Hummelflug“ aus Nikolai Rimski-Korsakows Oper „Das Märchen vom Zaren Saltan“ oder in Fritz Kreislers selten zu hörendem „Farewell to Cucullain“.
Die von der Aufnahmetechnik bisweilen zu sehr in den Hintergrund verbannten Dresdner Kapellsolisten begleiten den ehemaligen Solocellisten der Dresdner Staatskapelle unter der Leitung von Helmut Branny mit anpassungsfähiger Geschmeidigkeit und Diskretion.
My Tunes 2.
Jan Vogler (Violoncello), Dresdner Kapellsolisten, Leitung: Helmut Branny.
Sony Classical, 1 CD.
Ernst Naredi-Rainer
Von solchen Ensemblemitgliedern können heutige Operndirektoren nur träumen: Anton Dermota gehörte 45 Jahre lang der Wiener Staatsoper an, sang zwischen 1936 und 1981 in wohl rekordverdächtigen 2100 Vorstellungen 71 verschiedene Rollen. Am öftesten bis zur Zerbombung des Hauses am Ring den Alfredo in Verdis „La Traviata“ (42 Aufführungen) und den Almaviva in Rossinis „Barbier von Sevilla“ (34 Aufführungen). Nach dem Zweiten Weltkrieg führen der Tamino in der „Zauberflöte“ (169 Vorstellungen), der Belmonte in der „Entführung aus dem Serail“ (149 Abende) und der Don Ottavio im „Don Giovanni“ (115 Aufführungen) die Statistik an – jene Mozart-Rollen also (der an 101 Abenden gesungene Ferrando in „Cosi fan tutte“ gehört noch dazu), als deren Interpret Anton Dermota für Generationen Maßstäbe gesetzt hat.
Seine legendäre Kunst des Mozart-Gesangs dominiert und eröffnet denn auch jene zwei CDs umfassende Kassette, die mit Live-Aufnahmen aus der Wiener Staatsoper aus den Jahren von 1944 bis 1981 zu dokumentieren versucht, welch hohen Standard Dermota stets zu wahren wusste. Da nicht alle seine Paraderollen im Haus am Ring mitgeschnitten wurden, greift der kundige Herausgeber und Booklet-Autor Gottfried Kraus auch auf Aufnahmen der Salzburger Festspiele, bei denen Dermota von 1936 bis 1959 regelmäßig auftrat, auch auf Studioproduktionen zurück. Zum Beispiel beim Sänger aus dem „Rosenkavalier“, dem der 1910 in Kropa in Slowenien geborene Tenor in 114 Staatsopern-Vorstellungen seine Stimme geliehen hat, die im konkreten Fall in der legendären Aufnahme unter Erich Kleiber vom Juni 1954 zu hören ist.
Die Mozart-Aufnahmen reichen in dieser Kassette vom Jahr 1944 über deutsch gesungene „Don Giovanni“-Vorstellungen der fünfziger Jahre bis zum Jänner 1981, als Dermota hochbetagt in der Rolle des Tamino endgültig Abschied von der Bühne nahm. In immer noch beeindruckender stimmlicher Form, die er in Graz zuletzt am 30. September 1976 bei einer ungemein eindringlichen „Winterreise“ von Schubert unter Beweis gestellt hatte. Warum er über Jahrzehnte hindurch seine Stimme frisch halten konnte, zeigen auch diese beiden CDs auf: Dermota widerstand stets allen Versuchungen, denen seine Nachfolger so gerne nachzugeben pflegen, und beschränkte sich auf das seiner Stimme angemessene lyrische Repertoire, das er nur bis zum Florestan in Beethovens „Fidelio“ trieb, mit dessen ekstatischem Klagegesang er bei der Wiedereröffnung der Wiener Staatsoper im Jahr 1955 erschütterte.
Die Livemitschnitte dieser Kassette halten einen ausnehmend reich timbrierten, schlank und leicht geführten lyrischen Tenor fest, der einen metallischen Kern besaß, stets etwas nasal klang und seinen melancholischen Unterton immer in seine Ausdruckskraft einzubauen wusste. Sie kaschiert aber nicht, dass Dermota letztlich kein überragender Techniker war: Die Koloraturen des Belmonte und des Don Ottavio erklingen nicht mit letzter Präzision und Geläufigkeit, bisweilen stimmt auch die Intonation nicht hundertprozentig. Aber diese kleinen Mängel vermögen den Rang des 1989 in Wien verstorbenen Künstlers nicht zu beeinträchtigen, der als ideales Ensemblemitglied auch immer bereit war, Nebenpartien zu übernehmen und im Alter ins zweite Glied zu treten. „Eine kleine Rolle zu großer Wirkung bringen, ist manchmal die größere Kunst“, schrieb er in seinen Erinnerungen. Den tönenden Beweis dafür, wie hinreißend ihm das gelungen ist, liefert ebenfalls diese Orfeo-Kassette. Hatte Dermota in den fünziger Jahren in Tschaikowskys „Eugen Onegin“ als Lenski geglänzt, so übernahm er später den Triquet: Wie er dessen Couplet in der Vorstellung vom 10. November 1973 unter der Stabführung des Grazer Dirigenten Peter Schrottner vorgetragen hat, gehört zu den überragenden Höhepunkten dieser Kassette, die auch mit den Ausschnitten aus Wagners „Meistersingern von Nürnberg“ (David), der „Arabella“ (Matteo) und dem „Capriccio“ (Flamand) von Richard Strauss und nicht zuletzt dem „Palestrina“ von Heinrich Pfitzner wesentliche Rollen des Ausnahmetenors dokumentiert.
Anton Dermota. Live Recordings 1944-1981.
Orfeo d'or, 2 CDs.
Ernst Naredi-Rainer
Die von Renée Fleming & Dmitri Hvorostovsky unternommene „Musical Odyssey in St. Petersburg“ bietet weit mehr als nur eine Gala mit der zwei der schönsten Stimmen unserer Zeit. Über das musikalische Ereignis hinaus faszinieren nämlich die außerordentlich prachtvollen Schauplätze: Gedreht wurde im kleinen, 200 Zuhörern Platz bietenden Barocktheater (als intimem Rahmen für die Lieddarbietungen) sowie in der Säulenhalle des 1780 von Vallin de La Motha im klassizistischen Stil erbauten Jussupow-Palasts und im goldenen Ballsaal der Zarenresidenz Peterhof. Nicht zuletzt führt Renée Fleming, die als Gastgeberin vieler weltweiter Fernseh-Übertragungen aus der Metropolitan Opera New York reiche Erfahrung als TV-Moderatorin besitzt, in drei größeren Blöcken durch die wichtigsten Sehenswürdigkeiten von St. Petersburg. Sie besucht dabei auch die Gräber der wichtigsten russischen Komponisten, und erzählt ganz en passant, auf welch hohem Niveau sich das Kulturleben der Zarenzeit abgespielt haben muss, unterhielten doch damals rund 300 Aristokratenfamilien ihre eigenen, meist aus Bedienten gebildeten, Privatorchester.
Doch zurück zum musikalischen Teil, dessen optische Umsetzung dank des renommierten Bildregisseurs Brian Large keine Wünsche offen lässt. Renée Fleming, die polyglotte US-Diva, die es sich dank ihrer eminenten Sprachbehandlung leisten kann, in der Höhle des Löwen und an der Seite eines russischen Kollegen russisch zu singen, zeigt bei drei Liedern von Sergej Rachmaninoff die außerordentliche Sensibilität ihrer Gestaltungskunst. Üppiger lässt sie ihren luxuriös schimmernden Cremesopran im Opernteil strömen: Koloratursicher in „Casta diva“ aus Vincenzo Bellinis „Norma“, dramatischer als Lisa in Tschaikowskys „Pique Dame“ und in den Duetten aus Giuseppe Verdis „Il Trovatore“ und „Simon Boccanegra“ sowie Tschaikowskys „Eugen Onegin“.
Der aus Sibirien stammende Bariton Dmitri Hvorostovsky glänzt neben ihr mit der Fülle und dem Wohllaut seines Baritons, dessen Edeltimbre glänzend mit der Stimmfarbe des Ausnahmesoprans harmoniert und auch in der Arie des Jeletzky aus Tschaikowskys „Pique Dame“ und dem Trinklied des Titelhelden aus dem „Hamlet“ von Ambroise Thomas mit seiner sehnigen Kraft imponiert.
Bei den Arien und Duetten begleitet das von Constantine Orbelian dirigierte State Hermitage Orchestra, das sich auch als St. Petersburg Camerata einen Namen gemacht hat, flexibel und engagiert. Beim Liedblock agieren im kleinen Theater Ivari Ilja und Olga Kern als kundige und einfühlsame Flügeladjutanten.
„Renée Fleming & Dmitri Hvorostovsky. A Musical Odyssey in St. Petersburg.“
Renée Fleming (Sopran), Dmitri Hvorostovsky (Bariton), State Hermitage Orchestra, Dirigent: Constantine Orbelian. Ivari Ilja, Olga Kern (Klavier).
Decca, 1 DVD.
Ernst Naredi-Rainer