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von naredirainer am: 17.01.2009, 21:20 Uhr

Nur in wenigen Fällen besteht eine so enge Verbindung zwischen einem Werk und den Ausführenden: Beim "Rosenkavalier" von Richard Strauss denken Opernkenner zunächst an die Dirigenten Erich und Carlos Kleiber, die hier Maßstäbe gesetzt haben, die keiner ihrer Kollegen je zu erreichen vermochte.

Vater Erich Kleiber hat den "Rosenkavalier" 1954 für Decca eingespielt - mit den Wiener Philharmonikern und einem homogenen Ensemble. Obwohl er auf Striche verzichtet hat, dauert seine ideale Darstellung weniger lang als die Wiedergabe durch fast alle jüngeren Kollegen, die es fast durchwegs für angebracht halten, zum Rotstift zu greifen.

Sohn Carlos Kleiber hat den "Rosenkavalier" elf Mal an der Wiener Staatsoper und 82 Mal an der Münchner Staatsoper dirigiert. In beiden Häusern jeweils in Inszenierungen von Otto Schenk. Von beiden Produktionen hat die Deutsche Grammophon Mitschnitte (1979 in München und 1994 in Wien aufgenommen) auf DVD veröffentlicht. Reine Tonträger jedoch existierten bislang nur auf dem Schwarzmarkt. Diesem Manko hilft jetzt Orfeo mit einem im Einverständnis mit den Erben des Dirigenten legal veröffentlichten Mitschnitt vom 13. Juli 1973 aus dem Münchner Nationaltheater ab.

Ein kostbares Tondokument, das sehr eindrucksvoll belegt, wie präzise und doch ungemein flexibel, vor allem aber stets höchst inspiriert Carlos Kleiber Sternstunden herbeizaubern konnte.

1972 hatte er eine sorgfältig erarbeitete Neuproduktion des "Rosenkavaliers" mit einer Besetzung herausgebracht, die ihm zum Großteil auch bei der hier festgehaltenen Aufführung bei den Münchner Opernfestspielen 1973 zur Verfügung stand - abgesehen von Claire Watson, die jetzt an Stelle von Gwyneth Jones die Marschallin singt, und nicht immer kaschieren kann, dass sie ihren stimmlichen Zenit bereits überschritten hat.

Hinreißend hingegen klingen Lucia Popp und Brigitte Fassbaender als Idealbesetzungen der Sophie und des Octavian. Karl Ridderbusch gibt einen nicht zu ordinären Baron Ochs. Hochkarätig sind die meisten kleineren Rollen besetzt: Lorenz Fehenberger, der aus Graz nach München abgewanderte Tenor, kann als Wirt bei der Ankündigung des Auftritts der Marschallin noch einmal seine signifikante Höhensicherheit unter Beweis stellen, Gerhard Unger macht als italienischer Sänger gute Figur.

Entscheidend aber bleibt das Dirigat von Carlos Kleiber: Geschmeidig folgt das Bayerische Staatsorchester seinen agogischen Künsten, seinen subtilen Rubati, denen nicht weniger gekonnte Accellerandi gegenüberstehen. Wie Kleiber die Walzerseligkeit mit Melancholie unterfüttert, wie er Ironie und Witz aufspürt, wie er die Farben des Orchesters aufleuchten lässt, wie er die Sänger an der langen Leine führt und doch die Zügel nie aus der Hand gibt, wie er betörende Süße verströmt, ohne je ins Süßliche abzugleiten, bleibt singulär und macht es leicht, die klangtechnischen Mängel dieses Livemitschnitts in Kauf zu nehmen.

Richard Strauss: "Der Rosenkavalier".
Claire Watson, Karl Ridderbusch, Brigitte Fassbaender, Lucia Popp; Bayerisches Staatsorchester, Dirigent: Carlos Kleiber.
Orfeo, 3 CDs.

 

 

Ernst Naredi-Rainer

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