10. Februar 2012 14:27 | |||||
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Im Repertoire des Grazer Dirigenten Karl Böhm haben die Opern von Giuseppe Verdi nur eine Nebenrolle gespielt. Leitete er an der Wiener Staatsoper 101 Aufführungen von Mozarts "Le nozze di Figaro", 62 Vorstellungen von Mozarts "Cosi fan tutte" und immerhin noch 42 des Mozartschen "Don Giovanni", so nimmt bei Verdi der "Macbeth" mit 8 Aufführungen den Spitzenplatz ein. Er ist auch die einzige Oper Verdis, bei der Böhm bei zwei Wiener Premieren am Pult stand: 1943 im Ausweichquartier, im Theater an der Wien, wo in einer deutsch gesungenen Inszenierung von Oscar Fritz Schuh Elisabeth Höngen und Mathieu Ahlersmeyer die Protagonisten waren. Böhm hat diese Produktion aber nur an drei Abenden dirigiert.
Immerhin fünf Mal stand er bei der von Otto Schenk in italienischer Sprache inszenierten Neuproduktion in der Wiener Staatsoper am Pult. Den Mitschnitt der Premiere vom 18. April 1970 hat jetzt Orfeo d'or auf 2 Compact Discs in der Reihe "Wiener Staatsoper live" veröffentlicht.
Böhm brauchte 1970 wesentlich länger, um auf Touren zu kommen und zu jenem Biss zu finden, der seine (auf Cantus publizierte) Interpretation von 1943 ausgezeichnet hatte. Dennoch hält der Premierenmitschnitt ein denkwürdiges Ereignis fest: Das Débüt von Sherrill Milnes im Haus am Ring. Der Amerikaner, der neben Piero Cappuccilli zu den besten Verdi-Baritonen seiner Generation gehörte, singt die Titelrolle mit betont männlicher, markiger, sehnig federnder, ungemein höhenfreudiger und enorm ausdrucksstarker Stimme. Sein Macbeth ist kein Schwächling, sondern bleibt stets der erfolgreiche Feldherr, der auch dann noch Würde besitzt, wenn er seine Schwächen offenbart. Mit seinem facettenreichen Charakterporträt steht Milnes im Mittelpunkt des Abends.
Als Lady Macbeth balanciert Christa Ludwig mit hoher sängerischer Intelligenz an ihren deutlich hörbar werdenden stimmlichen Grenzen. Karl Ridderbusch stattet den Banco mit weichem, wohl gerundeten Bass aus und Carlo Cossutta nützt die Arie des Macduff nicht, um seinen Tenor auszustellen, sondern, um seine Betroffenheit zu vermitteln.
Giuseppe Verdi: "Macbeth".
Christa Ludwig, Carlo Cossutta, Sherrill Milnes, Karl Ridderbusch; Chor und Orchester der Wiener Staatsoper; Dirigent: Karl Böhm.
Orfeo d'Or, 2 CDs.
Ernst Naredi-Rainer