10. Februar 2012 13:45 | |||||
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Wenn sich Sir Roger Norrington mit Anton Bruckner auseinandersetzt, haben alte Hörgewohnheiten ausgedient. Mit seinem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR unternimmt er eine zielstrebige Annäherung an die Klangvorstellungen des Komponisten. Das beginnt bei der Zahl der eingesetzten Musiker und der im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts in Wien üblichen Sitzordnung und führt vor allem bei der Umsetzung des "reinen Klangs" zu ungewohnten Hörerlebnissen. Vom (auch akustisch dokumentierten) Wissen ausgehend, dass die Wiener Philharmoniker bis 1938 nicht dem heute üblichen Dauervibrato gehuldigt haben, hält Norrington seine Stuttgarter Instrumentalisten zu weitgehendem Verzicht auf das Vibrato an. Das Ergebnis verblüfft: Hier wird nichts mehr vernebelt, kommen die Harmonien in bislang ungeahnter Klarheit zur Geltung.
Bei seiner Einspielung der 4. Symphonie überrascht Norrington aber nicht nur mit diesen Tugenden. Er hat sich selbstverständlich für die originellere, kühnere, unangepasste Erstfassung von 1874 (in der Edition von Leopold Nowak) entschieden, und stellt Bruckners Experimentierfreude in die Auslage. Pathos und Weihrauch sucht man bei Norrington vergebens. Mit beschwingten bis flotten Tempi und prägnanten Rhythmen betont er vielmehr das Tänzerische in der "Romantischen" Symphonie. Seine Stuttgarter Musiker errichten keine Klangkathedrale, sondern malen mit leichter Pinselführung und schlanker Tongebung ungemein plastische Naturbilder.
Anton Bruckner: Symphonie Nr.4 Es-Dur, "Romantische".
Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, Dirigent: Sir Roger Norrington.
Hänssler Classic, 1 CD.
Ernst Naredi-Rainer