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von naredirainer am: 21.02.2010, 20:11 Uhr

Seine zweite Oper, "Edgar", war Giacomo Puccinis Schmerzenskind, das er selbst als "kranken Organismus" bezeichnete. 1889 an der Mailänder Scala uraufgeführt und in nur drei Folgevorstellungen gezeigt, arbeitete er sein "Dramma lirico" nach Alfred de Mussets "La Coupe et les lèvres" mehrfach um: Eine erste revidierte Fassung kam 1892 in seiner Geburtsstadt Lucca heraus, eine zweite revidierte Version im selben Jahr in Ferrara, eine dritte Umarbeitung schließlich 1905 in Buenos Aires. In dieser dreiaktigen Fassung wurde er seither gelegentlich aufgeführt. Das vieraktige Original jedoch galt als verschollen. Erst als sich die amerikanische Puccini-Expertin Linda B. Fairtile daran machte, zum 150. Geburtstag des Komponisten den nur noch im Klavierauszug überlieferten vierten Akt zu instrumentieren, bequemte sich Simonetta Puccini, die Enkelin des Komponisten, die unversehrte Originalpartitur herauszurücken.

In dieser ursprünglichen Gestalt erlebte "Edgar" im Teatro Regio in Turin seine moderne Wiederaufführung, deren Mitschnitt als Welterstaufnahme des Originals auf DVD vorliegt. Sie verdient zunächst aus philologischen Gründen Interesse, zeigt sich doch, dass der Verzicht auf den fast vierzig Minuten dauernden Schlussakt dem Werk eher geschadet hat und das Original stärker wirkt.

Freilich lässt sich nicht leugnen, dass Ferdinando Fontana, der theaterunerfahrene Librettist, Alfred de Mussets Versdrama auf ein blutrünstiges Schauerstück reduziert hat, das auf die reflexiven Elemente der Vorlage verzichtet. Die Story erinnert an Wagners "Tannhäuser": Der Titelheld, ein Wüstling. steht zwischen zwei völlig unterschiedlichen Frauen, einer Heiligen und einer Hure, der braven Fidelia und der dämonischen Tigrana.

In Turin haben Regisseur Lorenzo Mariani und sein Ausstatter Maurizio Balò das Geschehen aus dem Jahr 1302 in die Epoche des Risorgimento verlegt und mit diesem Transfer in die Entstehungszeit dem Stück ebenso genützt wie mit ihrem Balanceakt zwischen Naturalismus und Stilisierung.

Die Turiner Produktion beeindruckt mit erfreulich hoher musikalischer Qualität: Yoram David dirigiert engagiert und schwungvoll. José Cura gestaltet den Titelhelden mit seinem ausdrucksstarken Bronzetenor als zerrissenen Charakter. Amarilli Nizza findet für die einfältige, geradlinige Fidelia frische, klare Soprantöne, Julia Gertseva kostet Puccinis größte Mezzosopranpartie mit Genuss aus, formt die Zigeunerin Tigrana zum dämonischen Luder.

Giacomo Puccini: "Edgar".
Amarilli Nizza, Julia Gertseva, José Cura, Chor und Orchester des Teatro Regio Torino, Dirigent: Yoram David.
Arthaus, 1 DVD.

 

 

 

Ernst Naredi-Rainer

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