26. Mai 2012 21:59 | |||||
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Liebe Gemeinde von…(Predigt zum 7. Sonntag im Jahreskreis B)
Kennen sie den Unterschied zwischen einer deutschen und einer amerikanischen Arztserien im Fernsehen? Die Deutschen haben meistens nur einen Erzählstrang, die amerikanischen haben mehrere Erzählstränge… Es werden also bei den Amis mehrere Geschichten auf einmal erzählt. Der Evangelist Markus macht es ähnlich. Ihm ist es auch zu fad nur eine Geschichte zu erzählen…Jesus ist ja heute im Evangelium ein Arzt und deshalb ist dieser Vergleich gar nicht so schlecht.
Auf der einen Seite begegnet uns Jesus, wie er den Gelähmten heilt und auf der anderen Seite wie er die Gedanken der Schriftgelehrten erkennt und sie - ja - letztlich auch heilt. Vielleicht sind wir versucht und schauen uns nur dieses erste Heilungswunder an. Wir sehen den Gelähmten auf der Tragbare und die Heilung, die mit ihm geschieht, aber dass da diese gelehrten Männer plötzlich mitten ins Herz getroffen werden, das sollten wir sehen. Das ist auch ein Wunder.
Ähnlich verhält es sich vielleicht mit der Geschichte vom Verlorenen Sohn. Wir schauen auf den abgefrakten Schweinehirten, dem plötzlich wieder einfällt, dass er einen Vater hat. Aber sollten wir nicht auch auf den zweiten Sohn schauen, der neidisch nach links schaut und sieht wie unvoreingenommen sein Vater den treulosen Sohn wieder in die Arme schließt… Das Geschehen auf den vermeintlichen Nebenschauplätzen der Bibel ist ziemlich spannend. Ähnlich wie bei einer amerikanischen Arztserie.
Stellen sie sich vor, die ganze Kirche ist voll/ 40 Prozent Kirchenbesuch…. Aber keiner lässt sich von seinem Wort berühren. So ähnlich ist es unserm Herrn Jesus ergangen: Die Hütte war voll, aber seine Zuhörer (zum großen Teil studierte Theologen) lassen sich von seinem Wort nicht berühren. Sie sind nur darauf aus, den Rabbi Jesus zu diskretieren. Es gibt die Theorie, dass Schriftgelehrte damals ausgesandt wurden um messianische Bewegungen zu untersuchen.1 Jesus war sicher nicht der einzige, der als Rabbi durch die Lande zog und Wunder tat. Und somit gab es von Seiten der Schriftgelehrten einen Schutzmechanismus, so eine Bewegung zu untersuchen. In einer ersten Phase galt es einfach nur zuzuhören und dann zu urteilen, ob diese Bewegung es wert war, dass man sie weiter untersucht; man stellte sich dann sicher Fragen, wie diese:
gibt es überhaupt genügend Anhänger? Will der vermeintliche Messias unser System stützen oder stürzen? Ist er wirklich von Gott gesandt?
Es waren also mehr Fragen, die auf die Gesellschaft abzielten. Wenn man so als einfacher Schriftgelehrter den Worten Jesu lauschte, ging es also nicht darum, dass das irgendwas mit meinem Leben zu tun hat.
Jesus Christus entlarvt dieses Denken: Was für Gedanken hat ihr im Herzen?
Und dann folgt eine der spitzfindigsten Fragen unseres Heilands:
Was ist leichter: Sünden vergeben oder einen Kranken zu heilen?
Für den ungläubigen Betrachter ist es leichter Sünden zu vergeben, weil das sieht man nicht. Bei einer Krankenheilung, da gibt es Beweise. Das kann man sehen. Das ist auch für den Ungläubigen einsichtig…
Jesus heilt den Gelähmten; er tut das für den neutralen Betrachter Schwierigere und beweist damit, dass er auch fähig ist das vermeintlich leichtere zu tun: Sünden zu vergeben…
Zwei Dinge ändern sich damit:
1. Die Schriftgelehrten müssen in Jerusalem berichten, dass diese Messiasbewegung etwas ernstes ist und dass man das besser genauer anschauen sollte. Das heißt von jetzt an wird man mit Jesus reden müssen, ihn zur Diskussion auffordern.
2. ALLE geraten außer sich und preisen Gott. Man ist aus dem Häuschen. Dennoch stell ich (als nüchterner Deutscher?!) die Frage: Bleibt diese Begeisterung?
Nun aber noch mal zum ersten Erzählstrang des heutigen Evangeliums.
Die vier Männer bringen einen Kranken zu Jesus. Das heißt, sie wollen ihn bringen, aber die guten Plätze sind schon weg. Not macht bekanntlich erfinderisch. Und in Notsituationen ist man bereit wahre Kraftakte zu vollbringen: Also steigen die Männer mit dem Kranken aufs Dach. Decken dasselbe ab (alle Hauseigentümer unter euch müssten jetzt aufschreien) und steigen zu Jesus hinab.
Das nenne ich Hartnäckigkeit. Das nenne ich heiligen Egoismus. Sie hätten auch hingehen können und sagen können: Nein, da ist kein Platz mehr in der Hütte. Die feinen Leute (= die Schriftgelehrten) sind ja von weit gekommen und da müssen wir halt draußen bleiben. Jesus hat sicher anderes zu tun als unseren Freund zu heilen. Nein, sie schieben keine Argumente vor. Das ist es auch, was Jesus meint, wenn er sagt, wir sollen wie die Kinder sein. Ein kindliches Vertrauen legen der Gelähmte und seine Freunde an den Tag. Und Jesus nennt ihn deshalb: Mein Sohn (teknon) <-- diese Anrede ist im Markusevangelium nur hier bezeugt.2 Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben. Diese Vorstellung, dass körperliche und seelische Gebrechen eng zusammen gehören, das hat man oft verneint und man darf es sicher auch nicht generell sagen. Aber es war das damalige jüdischen Denken.
Lesung und Evangelium laden uns ein zu fragen: Wer ist dieser Jesus für mich?! Ein Messias unter vielen? Oder einer, der heilt, Sünden vergibt und die Herzen kennt? Jesus spricht sein Ja zu unserm Leben. Dieses JA will Christus durch uns sprechen….
Text: Mein JA zum Leben
verwendete Literatur
Dschulnigg, Peter, Das Markusevangelium, Stuttgart 2007.
Fruchtbaum, Arnold G., Das Leben des Messias. Zentrale Ereignisse aus jüdischer Perspektive, Hünfeld 2008.